Biographien und biographische Skizzen


Nun er verstummt ist in der Sdiwüle, Träum' idi versdilaf en vor midi hin Und träume, daß im duft'gen Pfühle Idi selber Halm und Blüte bin



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Nun er verstummt ist in der Sdiwüle, Träum' idi versdilaf en vor midi hin Und träume, daß im duft'gen Pfühle Idi selber Halm und Blüte bin ...

Tief gegründet in Jacobowskis Wesen war stets ein fester Glaube an die Harmonie des All, an eine Sonne in dem Ablauf jedes Menschenschicksals. Über manches Trübe in seinen persönlichen Geschicken hat ihm wohl nur dieser Glaube im Mittelpunkte seiner Seele hinweggeholfen. Er litt schwer an diesen persönlichen Erlebnissen, aber in seiner Lebensauffassung war etwas, was doch immer wieder wie Licht wirkte. Er hätte sich nicht so schätzen können, wie er es wollte, wenn er in sich nicht die Kraft gefühlt hätte, selbst Licht in sein Dunkel zu bringen. So stählt er denn diese Kraft, so arbeitet er unablässig an sich selbst. Und dieses Arbeiten gebiert ihm stets neue Hoffnungen, hebt ihn hinweg über Stimmungen, wie sich eine ausspricht in dem ergreifenden «Warum?» in «Aus Tag und Traum»:

... Als ich zum ersten Sommertag erwacht, Da harrte draußen schon die finstre Nacht. Sah ich zum goldenen Sonnenlicht empor, Schob grau die Regenwolke sich davor; Und streckt' ich jauchzend meine Kinderhand Zum Rosenstrauch, der ganz in Blüten stand, Da wehrten Dornen meinen Übermut, Und aus der Freude rann das rote Blut...

Tief in des Dichters Seele weist der schwermütige Zyklus «Martha» in «Aus Tag und Traum». Er umschließt einen elegischen Grundton, der bis zu Jacobowskis Tode in seinem Herzen nachzitterte. Ein jäher Tod hatte ihm 1891 die Jugendgeliebte entrissen. Die Erinnerung an sie gehörte fortan

zu den Vorstellungen, zu denen er immer wieder zurück-kehrte. Die Abgeschiedene lebte in seinem Herzen auf die zarteste Weise fort. In Weihestunden trüber und freudiger Art war sie ihm wie eine Gegenwärtige. Es war eine fortwirkende Treue ganz eigener Art, die er ihr bewahrte. Wenn er von ihr sprach, veränderte sich seine Stimme. Man hatte das Gefühl, als ob er ihre Gegenwart spüre. Man war dann nicht mit ihm allein. Das machte alle Dichtungen, die sich auf die Jugendgeliebte beziehen, zu so innigen.

Seine Beschäftigung mit politischen Fragen hatte Jaco-bowski eine Stellung bei einem Blatte und in einer Vereinigung eingebracht, die materielle Sorgen in den letzten Jahren seines kurzen Lebens fernhielt. Die mit ihm zu tun hatten, konnten seinen Pflichteifer und seine Arbeitskraft innerhalb dieser Stellung immer nur rühmen. Wenn man bedenkt, daß die Beschäftigung in dieser Stellung ihn täglich wieder von neuem herausriß aus seinen literarischen Arbeiten, dann kann man nicht genug staunen über die Summe dessen, was er trotzdem auf literarischem Gebiete geleistet hat. Die Zahl der novellistischen Skizzen, die er geschrieben hat, ist eine große, und seine Betätigung als Kritiker war eine ausgebreitete. Charakteristisch für ihn ist die Stellung, die er seinen kürzeren novellistischen Arbeiten gegenüber einnahm. Er verfaßte solche Skizzen in größerer Zahl in der Mitte der neunziger Jahre. Er sah sie an als Arbeiten, an denen er seinen Stil als Erzähler heranbildete. In dem Augenblicke, wo er so weit war, daß er sich größere Arbeiten vornehmen durfte, verlor die Arbeit an solchen Skizzen für ihn ihren Reiz.

Als Kritiker zeichnet Jacobowski in hervorragendem Maße die Gabe aus, sich in fremde Leistungen ganz einzu-

leben, den Kern einer fremden Persönlichkeit aus deren Schöpfungen sofort herauszufühlen. Alles Doktrinäre liegt ihm als Kritiker fern. Seine Urteile entstammen stets einem frischen, ursprünglichen Gefühle. Man sieht es ihnen überall an, daß er mit ganzem Anteil bei der Sache ist, über die er spricht. Letzten Endes will er überhaupt nicht richten, sondern nur verstehen. Seine Freude ist nicht das Verdammen, sondern das Anerkennen. Man liest mit besonderem Genüsse die Ausführungen, in denen er mit der ihm eigenen Wärme seine zustimmenden Urteile begründet. - Wer Jacobowskis Tätigkeit als Kritiker aufmerksam verfolgen wollte, würde sehen, wie dieser Mann das geistige Leben seiner Zeit intensiv mitlebte, wie er seine Interessenkreise nach allen Seiten zog.

In Jacobowskis Nachlaß hat sich eine Sammlung von Skizzen gefunden, deren Ausgabe in Buchform er 1898 vorbereitete. Sie sollten den Titel tragen: «Stumme Welt. Symbole». Die Sammlung ist bezeichnend für seine Vorstellungsart und sein ganzes inneres Leben in dieser Zeit. Wenn man die Skizzen durchliest, hat man die Empfindung: Jacobowski war berufen zum Dichter der modernen naturalistischen Weltanschauung. Die neue Naturerkenntnis scheint zunächst etwas Unpoetisches, Nüchternes zu haben. Ihr Eindringen in die rein natürlichen Vorgänge, ihr Bekenntnis zur bloßen, ungeschminkten Wirklichkeit scheint die dichterische Phantasie zu verscheuchen. Jacobowskis «Stumme Welt» beweist das Gegenteil. Er hatte sich völlig in das naturwissenschaftliche Bekenntnis eingelebt. Er war durchdrungen von der Größe der Anschauung, die aus der Vertiefung in die ewigen, ehernen Gesetze des Alls hervorsprießt. Darwinismus und Entwickelungslehre waren ihm liebe Gedankenkreise.

Es ist wahr, sie zerreißen den Schleier, der ehedem die Natur umhüllt hat. Aber was hinter diesem Schleier hervordringt, ist für den, der zu sehen vermag, nicht so bar der Poesie, wie urkonservativ gestimmte Menschen behaupten wollen. Die wunderbaren Gesetze des Stoffes und der Kräfte gebären poetische Vorstellungen, die an Großartigkeit nichts nachgeben den aus der Menschenseele in die Natur versetzten Bildern früherer Vorstellungswelten. Der moderne Mensch will die Natur nicht mehr auf menschliche Art sprechen lassen. Die ganze mythische Geisterwelt schweigt, wenn das an dem Naturalismus erzogene Ohr auf die Erscheinungen der Natur hinhorcht. Der ewige Kreislauf des Stoffes und der Kräfte scheint eine «stumme Welt» zu sein. Wer aber diese «stumme Welt» zum Sprechen zu bringen versteht, der kann ganz neue, herrliche Geheimnisse erlauschen, Mysterien der Natur, deren harmonische Musik übertönt würde von den einstigen lauten Stimmen anthropomorphistischer Weltanschauungen. Diese Musik der «stummen Welt» wollte Jacobowski in seiner Skizzensammlung zur Darstellung bringen.

Die neue Naturanschauung beruft sich mit Recht auf Goethe als den Stammvater ihrer Ideen. Und wer in Goethes naturwissenschaftliche Schriften sich vertieft, für den werden die Erscheinungen der Welt Buchstaben, aus denen er den Plan des Kosmos in einer neuen Weise lesen und verstehen lernt. Goethe wird von vielen viel zu oberflächlich gelesen. Jacobowski gehörte zu den wenigen, die Goethe gegenüber einen rechten Standort zu gewinnen suchen. Mit einer heiligen Scheu behandelte er alles, was sich auf Goethe bezieht. Er wußte, daß man wächst, wenn man sich den Glauben bewahrt, daß man an Goethe immer Neues lernen könne. Er

vertiefte sich früh in die Naturanschauung Goethes. Aber noch in den letzten Tagen seines Lebens konnte man ihn sagen hören: jetzt fange ich an, Goethe zu verstehen. Er sah ein, wie Goethe Führer sein kann, wenn es sich darum handelt, die «stumme Welt» zum Sprechen zu bringen. Er hat das Bändchen dann nicht erscheinen lassen. Aus der Grundvorstellung, die die Skizzen zusammenhält, erstanden neue Ansätze. Eine kosmische Dichtung sollte daraus erwachsen. Er wollte seinen Geist ausreifen lassen, um die scheinbar entgötterte Welt mit neuem Leben zu durchdringen, um neue Mysterien aus den kosmischen Vorgängen hervorzuzaubern. «Erde» sollte das Epos von dem geheimnisvolloffenbaren Walten der ewigen Naturkräfte heißen. Es steht dem Herausgeber des Nachlasses nicht zu, ein Urteil über die als «Stumme Welt» (2. Band des Nachlasses) zu veröffentlichenden keimartigen Skizzen eines umfassenden Gedankens zu fällen. Nur die Absichten des Dichters mitzuteilen, betrachtete ich als meine Aufgabe.

Es scheint, daß Jacobowski zunächst seinen Dichterberuf in der Entwickelung seiner Phantasie nach der Richtung hin sah, die er in der «Stummen Welt» eingeschlagen hatte. Darin ist wohl auch der Grund zu suchen, warum er das Gebiet des Dramatischen, das er im «Diyab» so verheißungsvoll betreten hatte, vorläufig nicht als ein solches betrachtete, auf dem seine Eigenart voll zur Geltung kommen könne. Gewiß hat auch er wie andere daran gedacht, letzten Endes seine künstlerischen Absichten in dramatischen Gestalten ausleben zu lassen. Seine strenge Selbstkritik forderte von ihm aber Zurückhaltung auf jedem Gebiete bis zu dem Augenblicke, in dem er sich zu dem nach seinem Ideale Höchsten in der betreffenden Sphäre gewachsen fühlte. Er

hat im Jahre 1896 ein Drama in vier Akten vollendet: «Heimkehr». Das spielt in der Zeit der Nachwehen des Dreißigjährigen Krieges in Mitteldeutschland. Ein Zeitgemälde im großen Stile ist beabsichtigt. Der Dichter hat nach der Beendigung des Werkes die verschiedensten Urteile von denen gehört, denen er es mitgeteilt hat. Von heller, rückhaltloser Begeisterung bis zum völligen Absprechen sind diese Urteile auseinandergegangen. Jacobowski ließ das Drama zunächst in seinem Pulte liegen. Er wartete ab, was er selbst in einem späteren Punkte seiner Entwickelung dazu sagen würde. In den Monaten vor seinem Tode wurde ihm das Werk wieder wert. Er hätte es wohl noch umgearbeitet. Da ihm das nicht mehr beschieden war, muß es in der ursprünglichen Gestalt einen Teil seines Nachlasses bilden. Man lernt den Dichter zu einer gewissen Zeit seines Lebens daraus kennen. Von diesem Gesichtspunkte wird man es beurteilen müssen.

Die Erzählungen «Anne-Marie, ein Berliner Idyll» (S. Schottländer, Breslau 1896) und «Der kluge Scheikh, ein Sittenbild» (S. Schottländer, Breslau 1897) gehören einer Übergangsstufe in der Entwickelung Jacobowskis an. Sie zeigen ihn in seinem Streben nach Plastik, nach Anschaulichkeit der Gestalten. Es ist, wenn man sie liest, als ob man die Resignation spürte, die er sich dabei auferlegt hat. Seine größeren Ideen lebten schon damals in seiner Seele. Um ihnen Gestalt zu geben, um sich bei ihnen nicht ins Schemenhafte zu verlieren, mußte er seinem epischen Stile Saft und Kraft geben. Er tat es an mehr oder minder anspruchslosen Erzählungen.

Das Symbolisierende seiner Kunst tritt dann deutlich zutage in der Sammlung von Erzählungen «Satan lachte, und

andere Geschichten» (Franz Wunder, Berlin 1897). Man braucht sich nur den Grundgedanken der ersten Erzählung, die dem Ganzen den Namen gegeben hat, vorzuhalten, und man vergegenwärtigt sich, was den Grundzug hier ausmacht. Gott hat dem Teufel die Herrschaft über die Erde genommen, indem er den Menschen geschaffen hat. Der Teufel sichert sich doch seinen Einfluß dadurch, daß er sich des Weibes bemächtigt. In wenigen charakteristischen Strichen werden die dämonischen Mächte des Geschlechtslebens symbolisch hingezeichnet.

Im Jahre 1899 trat nun der Dichter mit dem Kunstwerk auf, das ganz von diesem symbolisierenden Grundzug getragen ist, mit seinem «Roman eines Gottes: Loki» (J. C. C. Bruns' Verlag, Minden in Westf.). Man darf sagen, daß die verschiedenen Neigungen Jacobowskis bei der Schöpfung dieses Werkes wie Zweigflüsse zu einem großen Strome zusammenfließen. Sein Drang, die Volksphantasie zu belauschen und ihr leises Weben zu verstehen, führte ihn dazu, die äußere Handlung von den Gestalten und Vorgängen der germanischen Mythologie herzunehmen. Die Beobachtung des sozialen Lebens veranlaßte ihn, Loki, den «enterbten Gott», den Revolutionär der Götterwelt, in den Mittelpunkt zu stellen. Die Psychologie des Menschen, der sich nur durch die Kraft seines Innern, durch seinen starken Willen seine Geltung verschafft, und zwar gegen Widerwärtigkeiten von allen Seiten, legte Jacobowski die Loki-Figur besonders nahe. Werther und Diyab in einer Person, doch mehr Diyab ist Loki. Er ist dies, wie Jacobowski selbst Diyab sein wollte.

Kein wirklicher Vorgang, auch wenn er in idealistischer Kunstform gegeben wäre, hätte zum Ausdrucke bringen

können, was der Dichter hat sagen wollen. Die ewigen Kämpfe der menschlichen Seele stehen ihm vor Augen. Die Kämpfe, die sich in den tiefsten Gründen des Gemütes abspielen. Ort und Zeit, alle begleitenden Erscheinungen sind hier fast gleichgültig. Die Handlung muß in eine höhere Sphäre gehoben werden. Mögen die einzelnen Ereignisse, die das Leben dem Menschen bringt, diesen oder jenen tragischen oder freudigen Ausgang nehmen: sie tragen alle das Gepräge eines ewigen Kampfes. «Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heißt vermutlich, der Mensch schuf Gott nach dem seinigen.» Dies ist ein berühmter Ausspruch Ludwig Feuerbachs. Man könnte ihn erweitern und sagen: Wenn der Mensch die tiefsten Vorgänge seines Innern darstellen will, dann muß er das Seelenleben in Götterleben umwandeln; die Urkämpfe in der Tiefe der Brust verkörpern sich zu Götterkämpfen. Weil Jacobowski solche Urkämpfe darstellen wollte, deshalb wurde sein Roman derjenige eines Gottes. Zwischen den zwei Seelen, die in jeder Brust wohnen, spielen sich diese Urkämpfe ab, zwischen der Seele, die Güte, Liebe, Geduld, Freundlichkeit und Schönheit aus sich entspringen läßt, und zwischen der anderen, von der Haß, Feindschaft, Jähzorn kommen. Balder und Loki stehen sich in unaufhörlichem Kriege in jedem Men-schengemüte gegenüber. Hamerling hat den Gedanken, der schildert, was in ihm lebte, als er seinen «Ahasver» schrieb, so ausgesprochen: «Übergreifend, überragend, geheimnisvoll spornend und treibend, die Krisen beschleunigend, als die Verkörperung des ausgleichenden allgemeinen Lebens hinter den strebenden und ringenden Individuen stehend -so dachte ich mir die Gestalt des Ahasver». Daß er sich seinen «Loki» so «übergreifend», so «überragend», so «als die Ver-

körperung des ausgleichenden allgemeinen Lebens hinter den strebenden und ringenden Individuen stehend» gedacht hat, das hat Jacobowski in seinen Gesprächen oft betont.

Am offenbarsten werden des Dichters Absichten durch einen Zug in Lokis Wesen. Jacobowski hat im Gespräche immer versichert, daß man ihn erst voll verstehe, wenn man diesen Zug im Wesen seines Götterhelden zu deuten wisse. Loki, der fern von Walhall geborene Gott, das Kind der Göttersünde, das unter Schmerzen und Entbehrungen heranwächst, das nicht seine Mutter und auch nicht seinen Vater kennt: er hat vor allen anderen Göttern etwas voraus. Ihnen eignet Glück und ewige Freude. Ihm Schmerz und Qual. Er aber hat vor ihnen die Gabe der Weisheit voraus. Er kennt die Zukunft der anderen Götter, die ihnen selbst verborgen ist. Sie leben, aber sie kümmern sich nicht um die Triebkräfte, von denen ihr Leben abhängt. Sie wissen nicht, wohin sie diese Triebkräfte steuern. Nicht das Glück öffnet das geistige Auge, nicht die Freude macht hellsehend, sondern der Schmerz. Deshalb sieht Loki in die Zukunft. Aber eines weiß Loki nicht. Er muß Balder, den Gott der Liebe, hassen. Davon kennt er nicht den Grund. Denn darin ist sein eigenes Schicksal eingeschlossen. Das bleibt auch ihm verborgen. Hier liegt der Zug, an dem die geheimsten Absichten Jaco-bowskis offenbar werden. Vor der Frage: warum muß der wissende Loki den unwissenden, aber liebeerfüllten Balder hassen, vor ihr endet Lokis Weisheit. Damit ist aber auf das Schicksal des Wissens hingedeutet. Es ist sich selbst das größte Rätsel.

Nicht eine Inhaltsangabe oder gar ein Urteil soll hier über «Loki» gegeben werden. Lediglich des Dichters Absichten sollen erzählt werden, wie er sie im Gespräch über das ihm

so sehr liebe Werk gern mitgeteilt hat. Er fühlte, daß er mit dem«Loki»auf seinem Entwicklungswege einen gewaltigen Ruck vorwärts gemadit hatte. Er hatte sidi zu dem Glauben durchgerungen, daß die bejahenden Kräfte in seinem Innern siegen werden. Klarheit über alles Verneinende im Men-sdienschicksal war es vor allen Dingen, was er gesudit hat, und was er durch seine «Loki»-Dichtung bei sich selbst erreicht hatte. Schönheit, Güte, Liebe sind das Vollkommene in der Welt. Aber das Vollkommene bedarf der zerstörenden Kräfte, wenn es selbst seine volle Aufgabe erfüllen will. Loki ist der ewige Vernichter, der notwendig ist, damit die guten Elemente sich erneuern, der Dämon des Unglücks, den das Glück braucht, der böse Geist des Hasses, von dem die Liebe sich abhebt. Der Schöpfer, der nie seiner Schöpfungen Früchte genießen darf, der Haß, der aller Liebe den Boden schafft: das ist Loki. - Der Mensch, der die Wahrheit sucht, findet auf dem Grunde seiner Seele die zerstörende Triebe des Lebens. Die dämonischen Loki-Gewalten bedrängen ihn. Sie trüben ihm die leuchtenden Tage des Lebens, die Augenblicke des Glücks. Aber man versteht, man empfindet die leuchtenden Tage nur in ihrer rechten Kraft, wenn sie sich abheben von der Loki-Stimmung. Mit solchen Gefühlen im Hintergrunde hat Jacobowski seine Gedichte aus den Jahren 1896 bis 1898 unter dem Titel «Leuchtende Tage» (J. C. C. Bruns' Verlag, Minden in Westf. 1900) vereinigt. Es wohnt ihnen eine Leuchtkraft inne, die zwar aus dunklem Grunde erwächst, die aber gerade darum ein um so besseres Leben schafft.

Daß er mit «Loki» und den «Leuchtenden Tagen» vor die Mitwelt treten konnte, rief in Jacobowski eine innere Umwandlung hervor. Jetzt hatte er erst das Gefühl, daß er

sich selbst zustimmend verhalten dürfe zu seinen Leistungen. Er hatte zu sich nunmehr das Vertrauen, daß sich die strenge Selbstkritik mit den eigenen Schöpfungen in einigem Einklang befinde. Eine innere Ausgeglichenheit kam über ihn. Die Zukunft wurde ihm immer sonniger. Er hatte sich gefunden und seinen Glauben, daß «unsere Sterne» erlösen. Wenn man die Bilder des Dichters aus den aufeinanderfolgenden Lebensabschnitten ansieht, so merkt man den Ausdruck der inneren Wandlung auch an den Gesichtszügen. Ein Zug von Sicherheit, von Harmonie tritt immer mehr auf. Jacobowski hatte eben erst so manchen Strauß mit dem Leben auszufechten, bevor er sich so recht mit ihm versöhnte.

Die Sicherheit, die Geschlossenheit des Charakters hat bei ihm zugleich den Tätigkeitsdrang angeeifert. Er war ein Mann, der sich nur im Wirken glücklich wußte. Das Beschauliche, die einsame, sinnende Betrachtung sparte er sich doch nur für die Feieraugenblicke des Lebens. Seinen «Loki» hat er in wenigen Wochen, im Jahre 1898, in Tirol geschrieben, da er losgetrennt war von den Zusammenhängen, in die ihn das Leben stellte. Seine Dichtungen entstanden nur, wenn ihn sein Inneres hinweghob über die Wirklichkeit. Innerhalb dieser Wirklichkeit selbst drängte es ihn aber, nach Kräften am geistigen Leben seiner Zeit mitzuarbeiten. Diesem Drang ist seine Tätigkeit am «Zeitgenossen» entsprungen, den er 1891 mit Richard Zoozmann zusammen herausgab und dem allerdings nur ein kurzes Dasein beschieden war. Ein Feld fand er für diesen Drang, als er 1897 die «Gesellschaft» übernehmen konnte, die Zeitschrift, welche seit der Mitte der achtziger Jahre den Geistern gedient hatte, die nach einer neuen Zeit des literarischen



Lebens sich sehnten. Jacobowskis Bedürfnis nach einer allseitigen Pflege der geistigen Interessen gab den Jahrgängen, die unter seiner Redaktion erschienen, das Gepräge. Er wollte mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln ehrlich dem wahren Kulturfortschritt dienen. Nichts wurde ausgeschlossen, was zu diesem Ziele beitragen konnte. Es ist natürlich, daß eine ausgeprägte Individualität, wie es Jaco-bowski eine war, einer von ihr redigierten Zeitschrift auch einen stark persönlichen Zug geben mußte. Aber er kannte zugleich die Pflicht des Redakteurs, persönliche Neigungen entsprechend in den Hintergrund treten zu lassen. Und er kannte vor allem die Pflicht, jungen Talenten den Weg in die Öffentlichkeit zu bahnen. Er hatte den Mut, auch das zu bewerten, was noch nicht anerkannt war. Er war in solcher Bewertung und Anerkennung selbstlos und von großer Sicherheit des Urteils. In seinem Entgegenkommen gegenüber jedem berechtigten Streben war er einzig. So viele auch seinen Rat, seine Beihilfe suchten: alle fanden ihn hilfsbereit. Er hat unsagbar vieles ganz im stillen gewirkt. Und er wußte alles mit Vornehmheit zu tun. - An kleinen Zügen lernte man ihn in der ganzen Güte seines Wesens kennen.

Ein solch kleiner Zug sei hier verzeichnet. Er war kurze Zeit Vorsitzender der «Neuen Freien Volksbühne». Es war bei einem Sommerausflug der Mitglieder dieses Vereins. Jacobowski leitete die Spiele, die im Freien veranstaltet wurden. Es war herzerhebend zuzusehen, wie er da mit den Kindern tollte, sprang, wie er sich am Wettlauf beteiligte und wie er sogar als der erste am Ziel anlangte, trotzdem offenbar ganz gute Läufer mittaten. Und wie er dann den rechten Weg fand, die kleinen Preise an die Kinder zu verteilen.

Innige Befriedigung fand Jacobowski durch ein Unternehmen, das er 1899 mit seinen «Neuen Liedern der besten neueren Dichter fürs Volk» ins Leben rief. In einem Heftchen für zehn Pfennige bot er eine Auswahl der besten Schöpfungen der gegenwärtigen Lyrik. Von allen Seiten vernahm er bald den Beweis für die Nützlichkeit seines Unternehmens. Das kleine Heftchen fand überall Eingang. Mit Freuden erzählte er stets, wieviel Glück er mit dieser Sache habe. Er sammelte sorgfältig alles, was er über die Wirkung hörte. Er wollte über das Interesse, das in den weitesten Kreisen des Volkes für wahre Dichtung herrscht, eine Broschüre auf Grund seiner Erfahrungen schreiben. Denn bei alledem hatte er eine große Perspektive. Er wollte dem Ungeschmack, der Roheit und Verwilderung des Volkes steuern. Der blöde Gassenhauer, die dumme Zote sollten durch wahre Poesie ersetzt werden. Er sagte wiederholt: «Ich habe den Versuch gemacht. Ich hätte vor der Öffentlichkeit rückhaltlos das Geständnis abgelegt, daß der erste Schritt mißlungen sei, wenn das der Fall gewesen wäre.» Aber er durfte diesen ersten Schritt als einen durchaus gelungenen bezeichnen. Dem gleichen Ziele sollten dann die fortlaufenden Heftchen dienen, die er unter dem Titel «Deutsche Dichter in Auswahl fürs Volk», ebenfalls zu zehn Pfennig (in Kitzlers Verlag, Berlin) herauszugeben begonnen hatte. Zwei Hefte, «Goethe» und «Heine», sind vor längerer Zeit erschienen, das dritte, «Grimms Märchen», lag bei seinem Tode fertig vor und konnte wenige Wochen nach seinem Heimgange erscheinen. Unermüdlich war er, nach jeder Richtung hin, den Gedanken, der sich in diesen Veröffentlichungen auslebte, fruchtbar zu machen. Er gedachte auch eine Sammlung von Dichtungen für die Armee heraus-

zugeben. In einem interessanten Aufsatze, den er in der «Nation» veröffentlichte, hat er sich über die gegenwärtige Art der Dichtungen und Gesänge, die im Soldatenleben herrschend sind, ausgesprochen. In solchen Planen, die im idealen Sinne gemeinnützigen Zielen dienten, eignete ihm eine bewundernswerte Kraft und eine glückliche Handhabung.

Im Zusammenhange mit seinen volkstümlichen Studien und seinen Bestrebungen für die Förderung der Volkskultur steht auch die Veröffentlichung seiner Sammlung «Aus deutscher Seele. Ein Buch Volkslieder» im Jahre 1899 (J. C. C. Bruns' Verlag, Minden in Westf.). Er wollte die in zahlreichen Büchern in Bibliotheken aufgestapelten volkspoetischen Schätze dem Leben zuführen. Er sagt von diesen Schätzen in seinem Geleitwort: «Ihr Inhalt, da er ungenügend verbreitet wird, macht den platten Gassenhauern der Großstädte und den elenden Sentimentalitäten dummer Operetten Platz. Da schien es mir an der Zeit, soweit die Kraft eines Einzelnen und das Verständnis meines dichterischen Vermögens reichen, eine Sammlung herauszugeben, die, nach ästhetischen Gesichtspunkten geordnet, aus dem Wust und Wirrwarr des angehäuften Liederberges einen Teil des wirklich Wertvollen und Herrlichen von neuem dem deutschen Volke darbietet.» - «Aus deutscher Seele» durfte Jacobowski bezeichnen als «das Ergebnis dieser Erwägungen und die Frucht vieljähriger, innigster Beschäftigung mit den Wundern der deutschen Volksseele und Volkspoesie».

Dem Gedanken, wichtige «Fragen der Gegenwart und hervorragende Erscheinungen moderner Kultur» weiteren Kreisen in ihnen sympathischer Form zugänglich zu machen,

entstammt Jacobowskis Plan, eine Sammlung von kleinen Schriften - in Heften von 32 bis 80 Seiten - in zwangloser Folge zu veröffentlichen. Unter dem Titel «Freie Warte, Sammlung moderner Flugschriften» sind 1900 drei solcher Hefte erschienen (J.C.C.Bruns' Verlag, Minden in Westf.). Es sind: «Haeckel und seine Gegner» (von Dr. Rudolf Steiner), «Sittlichkeit!?!» (von Dr. Matthieu Schwann), «Die Zukunft Englands, eine kulturpolitische Studie» (von Leo Frobenius). Diese und die Titel der Schriften, die in nächster Zeit erscheinen sollten, zeugen davon, wie umfassend sich Jacobowski die Aufgabe dachte, die er sich damit gestellt hatte. Es waren noch angekündigt: «Das moderne Lied», «Die Erziehung der Jugend zur Freude», «Schiller contra Nietzsche», «Hat das deutsche Volk eine Literatur?», «Der Ursprung der Moral». Die Schrift «Hat das deutsche Volk eine Literatur?» sollte von Jacobowski selbst herrühren. Er wollte sich darin über die Erfahrungen aussprechen, die zu seinen Volksheften und ähnlichen Bestrebungen geführt haben, und auch über die Ergebnisse solcher Unternehmungen.

Ein weiteres Glied in Jacobowskis Streben, seiner Zeit zu dienen, war die Herausgabe einer «Anthologie romantischer Lyrik» unter dem Titel «Die blaue Blume». Mit Friedrich von Oppeln-Bronikowski zusammen gab er 1900 diese Sammlung mit romantischen Dichtungen aus der Zeit vom Ende des achtzehnten bis zum ausgehenden neunzehnten Jahrhundert heraus. Der über 400 Seiten starke Band beginnt mit Schöpfungen Herders und endet mit einer solchen des Prinzen zu Schönaich-Carolath. Jacobowski hat einen Aufsatz «Zur Psychologie der romantischen Lyrik» der von Fr. von Oppeln-Bronikowski gearbeiteten «Einleitung»

hinzugefügt. Er glaubte, dem Drange der Zeit, aus dem Naturalismus zu einer Art Neuromantik zu kommen, den besten Dienst durch Sammlung der Perlen romantischer Kunst zu leisten.

Die Eigenschaften Jacobowskis, durch die er unmittelbar von Mensch zu Mensch wirkte, die Anregungen, die so von ihm ausgehen konnten, kamen zur Geltung in einer literarischen Gesellschaft;, die er in der letzten Zeit seines Lebens mit einigen Freunden gegründet hatte. Jeden Donnerstag versammelte er im «Nollendorf-Kasino» in der Kleiststraße einen künstlerisch und literarisch angeregten Kreis unter dem Namen «Die Kommenden» um sich. Jüngere Dichter fanden hier Gelegenheit, ihre Schöpfungen vorzubringen, wichtige Fragen der Kunst oder Erkenntnis wurden in Vorträgen und Diskussionen behandelt. Künstler aller Art besuchten die Gesellschaft, die sich hier allwöchentlich zwanglos zusammenfand, und Ludwig Jacobowski war unablässig bemüht, immer Neues zu ersinnen, um den Gästen die paar Abendstunden sympathisch zu machen, die sie hier zubrachten. Er hatte auch den Plan gefaßt, mit den Darbietungen dieser Abende Hefte in künstlerischer Ausstattung zusammenzustellen. Das erste war in Arbeit, als er starb. Es wurde von seinen Freunden nach seinem Tode fertiggestellt und mit Beiträgen aus seinem Nachlaß zu seinem Gedächtnis herausgegeben. Die «Kommenden», die sich noch immer allwöchentlich versammeln, pflegen treu das Andenken an ihren Begründer.

Eine äußere Veranlassung führte Jacobowski Ende 1899 dazu, ein kleines soziales Drama in einem Akte, «Arbeit», zu schreiben. Axel Delmar hatte den Plan gefaßt, in einem Jahrhundertfestspiel, das fünf Einakter umfaßte und am

«Berliner Theater» aufgeführt wurde, die wichtigeren Wendepunkte in der Entwicklung Deutschlands dramatisch darzustellen. Wiehert, Ompteda, G. Engel, Lauff und Jacobowski waren die fünf Dichter. Dem letzteren fiel die Aufgabe zu, das soziale Denken und Fühlen der Gegenwart, die wichtigsten Kulturerscheinungen am Jahrhundertende zu dramatisieren. Man tut der «Arbeit» unrecht, wenn man ihr eine Tendenz unterschiebt und sie darnach beurteilt. Es sollte lediglich zur Anschauung gebracht werden, wie die sozialen Strömungen sich in verschiedenen Ständen und Menschen spiegeln.

In den letzten Monaten seines Lebens hat ein schmerzliches Erlebnis, das Jacobowski in den tiefsten Tiefen seines Gemütes erschüttert hat, seinen poetischen Ausdruck in einem einaktigen Versdrama «Glück» gefunden (J. C. C. Bruns' Verlag, Minden in Westf. 1901). Über dieses Erlebnis zu sprechen wird erst in einer späteren Zeit möglich sein. Die Stimmung, aus der heraus das Drama geschrieben ist, hat er selbst in den «Zum Eingang» vorangestellten Versen angedeutet:

Es war wie Sterben, als ich's lebte! Es war mir Tröstung, als ich's schrieb! Wer je in gleicher Bängnis bebte, Der nehm* es hin und hab* es lieb!

Der gleichen Stimmung entstammen manche von den Gedichten, die dieser Nachlaß bringt. «Glück» in dramatischer Form hat sich wie von selbst dem Dichter aus den lyrischen Gedichten zusammengefügt, in denen er die Momente eines tragischen Erlebnisses niedergelegt hat. Diese lyrischen Gedichte aus der letzten Zeit, vereinigt mit allem, was er seit dem Erscheinen seiner «Leuchtenden Tage» an Lyrik her-

vorgebracht hat, erscheinen hier als Nachlaß. In bezug auf die Zusammenstellung der Gedichte wurden die Gesichtspunkte festgehalten, die der Dichter selbst bei seinen «Leuchtenden Tagen» beobachtet hat. Man findet daher die gleichen Überschriften der einzelnen Teile des Gedichtbandes wie in den «Leuchtenden Tagen». Das scharfe Gepräge, das Jacobowskis Seelenleben in den letzten Jahren angenommen hat, machte diese Abteilung wünschenswert. Ein zweiter Band wird alle von ihm selbst noch zu einem Büchelchen «Stumme Welt» vereinigten Skizzen bringen. Er hat es nicht selbständig erscheinen lassen, weil er den Plan in größerer Art später ausgestalten und unter dem Titel «Erde» die Ideen, die der «Stummen Welt» zugrunde lagen, zu einer kosmischen Dichtung großen Stils verarbeiten wollte. Er hielt ein tiefes Einleben in die Naturerkenntnis der neuen Zeit für sich für notwendig, bevor er an die große Arbeit gehen konnte. Eine tiefe innere Gewissenhaftigkeit und Scheu hielt ihn vorläufig davon ab, die fruchtbare Idee zu frühzeitig in Angriff zu nehmen. Es ist ihm nicht beschieden gewesen, das Vorhaben, das wahrscheinlich erst gezeigt hätte, was Jacobowskis tiefstes Innere barg, auszuführen. Ein dritter Band soll das oben erwähnte Drama «Heimkehr» bringen. Eine Reihe von «Einfällen», die für Jacobowskis Denken und für seine Persönlichkeit charakteristisch sind, werden dem zweiten Bande als «Anhang» hinzugefügt. So gering ihre Zahl ist: sie zeigen deutlich ebenso die Tiefe seiner Lebensauffassung und den Humor, wie auch die Leichtigkeit des Urteils, die ihm gewissen Dingen gegenüber eigen waren. Sie beweisen, daß er zu den Menschen gehörte, die wissen, daß nicht alles mit demselben, sondern verschiedenes mit verschiedenen Maßen gemessen werden muß.

FRIEDRICH SCHILLER

EINFÜHRUNG ZU «SCHILLER», AUSWAHL AUS SEINEN WERKEN

Das Leben schafft Mühen und Sorgen; es fordert Pflichten und Arbeiten. Es beschert uns aber auch Freuden und schöne Stunden. Zu den größten Freuden gehören die, welche uns denkende und dichtende große Menschen durch ihre Werke gewähren; zu den schönsten Stunden müssen wir diejenigen rechnen, in welchen wir uns durch solche Werke geistige Nahrung verschaffen. Wir stärken uns durch diese Werke für den Lebenskampf. Sowenig unser Leib ohne körperliche Nahrung sein kann, ebensowenig kann unsere Seele ohne geistige Speise sein. Ein Mensch, der sich um die Werke der Dichter und Denker nicht kümmert, kann nur einen rohen und armseligen Geist haben. Er wird aber oft ein viel härteres Los haben als derjenige, welcher die geistigen Schöpfungen kennt. Denn über manche traurige Stunde kann ihm eine Dichtung hinweghelfen; manchen Trost kann uns geben, was ein bedeutender Mensch gesagt hat. Ohne daß wir es merken, wird unser Charakter veredelt, wenn wir die Schöpfungen der Dichter in uns aufnehmen.

Friedrich Schiller ist ein Dichter, von dem jedes Wort uns tief ins Herz dringen muß. Denn es ist alles aus dem tiefsten Herzen heraus gesprochen, was er uns geschenkt hat. Je mehr man ihn kennenlernt, desto mehr wird man nicht nur seinen hohen Geist bewundern, sondern seine edle Seele lieben und sich durch Betrachten seines herrlichen Charakters stärken. Er hat ein schweres Leben gehabt und das Leiden kennengelernt. In einem schwächlichen Körper wohnte

ein starker Geist, der nur auf Erhabenes und Ideales gerichtet war. Er ist am 10. November 1759 in dem württembergischen Städtchen Marbach geboren. Sein Vater war erst Wundarzt, dann Aufseher der Gärten und Baumpflanzungen auf dem Lustschloß Solitude. Seine Mutter, die Tochter eines Gastwirtes, war eine fromme Frau, eine echte Freundin der Dichtkunst. Diese Neigung hat sie auch in den Sohn gepflanzt. Der Vater gab dem Knaben den ersten Unterricht. Später wurde der Pastor Moser im Dorf Friedrich Schillers Lehrer. Den weiteren Unterricht erhielt dieser auf der lateinischen Schule in Ludwigsburg. Sein Hang zu edler geistiger Tätigkeit zeigte sich schon in frühester Jugend. Die Psalmen und die Lehren der Propheten, geistliche Lieder und Dichtungen regten seinen auf alles Ernste gerichteten Geist an. Er wäre am liebsten Geistlicher geworden.

Auf Veranlassung des Herzogs Karl Eugen von Württemberg (1728-1793) wurde er aber in die Reihe der Zöglinge in der Karls-Schule aufgenommen, die zuerst auf dem Lustschlosse Solitude, dann in Stuttgart war. Er war in dieser Anstalt vom Jahre 1773 bis 1780. Zuerst sollte er Rechtswissenschaft studieren., Später vertauschte er diese Wissenschaft mit der Medizin. Er gebrauchte alle Zeit, die ihm die strenge militärische Zucht der Schule ließ, dazu, um sich in ernste Werke der Dichtkunst zu vertiefen. Schon damals faßte er den Entschluß, selbst eine ernste Dichtung zu schaffen, deren Held Moses sein sollte. Bald aber begeisterte ihn ein anderer Gegenstand. Noch auf der Schule dichtete er an seinem Schauspiel «Die Räuber», das er dann, nachdem er Regimentsarzt in Stuttgart geworden war, vollendete.

Der Herzog Karl Eugen sah mit Unzufriedenheit, daß sein Militärarzt sich in solcher Weise beschäftigte. Er verbot

diesem, etwas anderes als Medizinisches drucken zu lassen. Das nötigte Schiller, sein Amt und seine Heimat zu verlassen und sich aus eigener Kraft eine Stellung in der Welt zu schaffen. Er floh mit seinem Freunde, dem Musiker Streicher, am 22. September 1782 nach Mannheim, wo seine «Räuber» bereits aufgeführt worden waren und den größten Beifall gefunden hatten. Doch konnte er hier keine Gönner finden. Dafür gewährte ihm eine hochsinnige Frau, Henriette von Wolzogen, auf ihrem Landgute Bauerbach in der Nähe von Meiningen eine Zufluchtsstätte. Hier konnte er in Ruhe an sein zweites Drama «Die Verschwörung des Fiesko in Genua» gehen, das 1783 erschienen ist. Auch sein drittes Drama «Kabale und Liebe» konnte er hier vollenden und im Jahre 1784 erscheinen lassen. Der Kampf gegen die Unmoral seiner Zeit und die Begeisterung für die Freiheit, die aus diesen Werken sprechen, eroberten dem Dichter die Herzen seiner Zeitgenossen. Ebenso riß er diese hin durch seine von dem edelsten Schwünge getragenen Gedichte, die in seiner «Anthologie» erschienen. Freiherr von Dalberg, der Leiter des Theaters in Mannheim, der früher nicht gewagt hatte, dem Dichter in Mannheim eine Stellung zu gewähren, weil er den Zorn des Herzogs von Württemberg fürchtete, machte jetzt Schüler zum Theater-Dichter. Dieser gründete eine Zeitschrift, die «Rheinische Thalia». Der Ernst, mit dem er die Stellung der Schauspielkunst auffaßte, kam gleich in dem ersten Aufsatz zum Vorschein, in dem er «Die Schaubühne als moralische Anstalt» beschrieb. Ein großes geschichtliches Schauspiel «Don Carlos» war seine nächste dichterische Arbeit. Der ganze Drang nach politischer Freiheit, der die besten Geister der damaligen Zeit beseelte, kam in diesem Werk zum Ausdruck. Der Dichter

konnte den Anfang im Jahre 1784 dem Herzog Karl August von Weimar, dem Freunde Goethes, vorlesen, in dem er später einen Gönner finden sollte.

Im April 1785 luden zwei junge Verehrer Schillers in Leipzig, Huber und Körner (der Vater des Freiheitssängers und Freiheitsdichters Theodor Körner), den Dichter zu sich ein. Dieser folgte dem Rufe und brachte die nächste Zeit in Gohlis bei Huber zu, um dann zu Körner zu gehen, der mittlerweile nach Dresden übergesiedelt war. Schiller konnte sich nun in völliger Ungestörtheit seinen Arbeiten hingeben. Auf Körners Besitztum in Loschwitz bei Dresden vollendete er den «Don Carlos». Er blieb bis zum Sommer 1787. Hierauf verweilte er einige Monate in Weimar und begab sich dann nach Volkstedt bei Rudolstadt, um in der Nähe der dort wohnenden Familie Lengefeld zu sein, mit der er sich auf einer Reise in Rudolstadt innig befreundet hatte. Am 9. September 1788 sah Schiller im Lengefeldschen Hause zum erstenmal Goethe. Sie konnten sich damals noch nicht miteinander befreunden. Doch sagte sich Goethe, daß für Schiller etwas getan werden müsse, um ihm zu einer äußeren Stellung zu verhelfen. Daß Schiller bald darauf eine Professur für Geschichte an der Universität Jena erhielt, war Goethes Werk. In dieser Zeit trat eine Pause in Schillers poetischem Schaffen ein. Er vertiefte sich in die Geschichte und in dw Philosophie. Schon früher, in Dresden, hatte er ein glänzendes geschichtliches Werk angefangen, die «Geschichte des Abfalls der Niederlande». Es war schon in Weimar fertiggeworden und schilderte den großen Freiheitskampf der Niederländer im sechzehnten Jahrhundert. Nach Übernahme seines Lehramtes schrieb er die «Geschichte des Dreißigjährigen Krieges», indem er den furchtbaren Glau-

benskrieg darstellte, der über Deutschland vom Jahre 1618 bis I648 seine verheerenden Wirkungen ausgebreitet hatte. Eine Frucht seiner philosophischen Studien sind die herrlichen «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen», in denen er die Erziehung des Menschen durch die Kunst zur Anschauung brachte. Das letztere Werk hat er als Dank für den Erbprinzen Christian Friedrich von Holstein-Augustenburg geschrieben, der ihm im Verein mit dem dänischen Minister Graf Schimmelmann ein Jahresgehalt von 1000 Talern für drei Jahre zum Geschenk machte, als er hörte, daß Schiller in bedrängter Lage sei. Wegen seiner schwächlichen Gesundheit konnte Schiller sein Lehramt nur kurze Zeit ausüben. Es bot ihm auch, trotz ungeheurer Arbeit, die es ihm auferlegte, nur das kärgliche Honorar von 200 Talern. Er widmete bald wieder seine ganze Zeit der Tätigkeit als Schriftsteller.

Die Gründung einer neuen Zeitschrift «Die Hören», an welcher die besten Geister der Zeit mitarbeiten sollten, brachte Schiller mit Goethe zusammen. Die beiden größten Dichter des deutschen Volkes schlössen bald einen innigen Freundschaftsbund, der bis zu Schillers frühem Tode dauerte. In der schönsten Weise arbeiteten die beiden jetzt Hand in Hand. Sie gaben sich Ratschläge für ihre Werke, ermunterten sich und förderten sich in jeder Art. Schillers prächtige Gedichte «Die Bürgschaft», «Das Lied von der Glocke», «Der Taucher», «Der Graf von Habsburg», «Die Kraniche des Ibykus», «Der Alpenjäger», «Der Ring des Polykrates» und viele andere sind in dieser Zeit entstanden. Durch Goethes Einfluß wurde Schiller auch wieder angeregt, zu dem Gebiete der Dichtung zurückzukehren, in welchem er gleich von Anfang an seine Zeitgenossen begeistert hatte,

zum Drama. Der große Feldherr, der im Dreißigjährigen Kriege eine so bedeutende Rolle spielte, hatte ihn schon im höchsten Grade angezogen, als er die Geschichte dieses Krieges schrieb. Ihn machte er deshalb zum Helden eines Dramas «Wallenstein». Nach Vollendung dieses Werkes übersiedelte Schiller nach Weimar. «Maria Stuart», «Die Jungfrau von Orleans», «Die Braut von Messina», «Wilhelm Teil» entstanden rasch hintereinander. Sein letztes Trauerspiel «De-metrius» war unvollendet, als am 9. Mai 1805 ein früher Tod den schwachen Körper dahinraffte.

Mit seinen Dichtungen und Dramen hat Schiller seinem Volke ein teures Gut hinterlassen. Wenige Dichter können mit ihm verglichen werden in bezug auf das Schwungvolle der Sprache. Und was bei allen seinen Werken tief in die Seele dringt, das ist sein Hochhalten der Ideale. Immer ist sein Blick auf die höchsten Güter der Menschheit gerichtet. Er ist als Mensch ebenso groß wie als Dichter. Sein Familienleben war ein musterhaftes. Im Jahre 1790 heiratete er Charlotte von Lengefeld. Er fand in dieser Ehe alles, was sein hoher Geist begehrte. Wenn man liest, was Charlotte Schiller nach dem Tode des Gatten über diesen geschrieben hat, dann bewundert man den Bund, der hier zwei Seelen verband, von der eine jede einzig in ihrer Art war.

Schüler war sich selbst der strengste Richter. Was uns an seinen Dichtungen entzückt, ist durch harte Mühen von ihm errungen worden, und er arbeitete immerfort an sich selbst. Er hatte über seinen «Don Carlos» eine Reihe von Aufsätzen «Briefe über Don Carlos» geschrieben, in denen er die Fehler dieser Dichtung in der schonungslosesten Weise aufdeckte. Sein unablässiges Bestreben war, mit jedem Werke einen höheren Grad von Vollkommenheit als Dichter zu

erreichen. In seinen Dramen zeigt er sich als Meister in der Darstellung der menschlichen Charaktere: menschliche Schlechtigkeit und menschliche Güte schildert er in gleich anschaulicher Art. Er war deshalb der geborene Theaterdichter im höchsten Sinne des Wortes. Wie einen Tempel betrachtete er das Theater, in dem der Zuschauer nicht bloß unterhalten, sondern erbaut werden soll. Er fühlte sich als Priester der Kunst, dem das Schaffen etwas Heiliges war. Das fühlen wir, wenn wir als Zuschauer im Theater sitzen und seine Gestalten vor uns erscheinen. Goethe konnte dem Freunde kein schöneres Denkmal setzen als den «Epilog zu Schillers Glocke», den er nach dessen Tod dichtete, und in dem er von ihm sagt: «Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine, lag, was uns alle bändigt, das Gemeine».



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