Biographien und biographische Skizzen


EINLEITUNG ZU «MARIA STUART»



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EINLEITUNG ZU «MARIA STUART»

Das erste große Werk, das Schiller nach seiner Übersiedlung nach Weimar vollendete, ist das Trauerspiel «Maria Stuart». Er studierte damals englische und schottische Geschichtswerke, um sich mit dem Leben der schottischen Königin bekannt zu machen, deren Geschick ihn im höchsten Grade fesselte. Sie ist im Jahre 1542 als die Tochter Jacob des Fünften geboren, der noch in demselben Jahre starb. Während die Mutter die Regentschaft führte, wurde Maria in Frankreich erzogen und mit dem Thronfolger Frankreichs, der später als Franz II. König wurde, vermählt. Nachdem ihre Mutter und auch ihr Gemahl gestorben waren, ging sie im Jahre 1561 nach Schottland zurück, um die Regierung anzutreten. Sie verheiratete sich mit ihrem Vetter Darnley,

der sie mißhandelte und der sogar ihren Geheimsdireiber Rizzio, welcher das Vertrauen Marias genoß, tötete. In ihr setzte sidi die tiefste Abneigung gegen Darnley fest. Das gab die Veranlassung, daß man sie der Mitwissenschaft beschul-digte, als Darnley ermordet wurde. Dieser Verdacht schien begründet, weil sie den Grafen Bothwell, den man für Darnleys Mörder hielt, hinterher heiratete. Immer mehr steigerte sich der Haß der Schotten gegen ihre Königin, die sich auch dadurch noch besonders mißliebig machte, daß sie streng im Sinne des Katholizismus regierte. Sie mußte der Krone entsagen und nach England fliehen. Dort herrschte die Königin Elisabeth. Diese haßte Maria, weil diese nach gewissen Rechtsverhältnissen viel eher den Thron von England hätte beanspruchen können als Elisabeth selbst. Wie Elisabeth ihre Gegnerin als Gefangene in dem Schloß Fothe-ringhay behandeln läßt, damit beginnt Schillers Trauerspiel.

Maria wird, trotzdem sie behauptet, als Königin nur von ihresgleichen gerichtet werden zu können, vor einen englischen Gerichtshof gestellt und beschuldigt, nach der Krone Englands gestrebt zu haben. Man verurteilte sie, trotzdem man ihr ihre Geheimschreiber Kurl und Nau, auf deren Zeugnis man sich berief, gar nicht einmal gegenübergestellt hatte. Elisabeth ist anfänglich doch nicht mutig genug, das Todesurteil für ihre verhaßte Feindin zu unterzeichnen. Die Zeit, in der sie zögert, benutzen zwei Männer, um Mittel und Wege zu finden, Maria zu retten. Der eine ist Graf Lei-cester, ein Vertrauter der Elisabeth, der aber zugleich von den Reizen der Maria bezaubert ist. Er vermittelt eine Begegnung der beiden Königinnen. Dieses Zusammentreffen der feindlichen Frauen bildet den Höhepunkt des Trauer-

spieles. Maria überwindet sich zuerst und will ihre Gegnerin um Gnade bitten. Als sie aber bei dieser nur auf Kälte und Hohn stößt, da hält sie ihr all ihre Laster und Schwächen schonungslos vor. Nun ist Marias Tod entschieden. Der andere Mann, der Maria retten will, ist eine junge, leidenschaftliche Persönlichkeit, Mortimer, der eine Verschwörung plant, die aber mißlingt. Er stürzt die Unglückliche, die er leidenschaftlich verehrt, durch seinen Plan noch mehr ins Verderben. Man hat durch ihn noch einen Vorwand für das Todesurteil, das Elisabeth nunmehr unterzeichnet und das Burleigh, der schlaue Staatsmann, rasch vollziehen läßt. Schüler hat Maria Stuart als ein Weib gekennzeichnet, welches, trotz mancher Schuld, die es auf sich geladen hat, unser tiefstes Mitgefühl erregt. Sie gewinnt unser Herz, trotzdem wir sie vor unserem sittlichen Urteil nicht freisprechen können. Schiller wußte das Leiden der Frau so zu schildern, daß wir vor allem auf dieses Leiden und weniger auf die Schattenseiten ihres Charakters sehen.

EINLEITUNG ZU «DIE RÄUBER»

Die «Räuber» sind Schillers Erstlingswerk. Der ganze Freiheitsdurst des jungen Mannes tobt sich darin aus. Er hat zwei Persönlichkeiten einander gegenübergestellt, eine edle, Karl Moor, die aber durch die Schlechtigkeit der Welt bis zum Verbrechen getrieben wird, und eine abscheuliche, Karls Bruder Franz, der ein Beispiel für alle möglichen Schlechtigkeiten ist. Karl hat sich auf der Universität manches zuschulden kommen lassen, was aber bei seiner Jugend und seinem Freiheitsdrang verzeihlich ist. Er bittet auch in

einem Briefe reumütig den Vater um Verzeihung. Franz benutzt das, um seinen Bruder zu verderben. Er täuscht sowohl den Vater wie den Bruder, um sich das Erbe zu erschleichen, das eigentlich Karl, dem älteren Bruder, zufallen sollte. Dem Vater redet er ein, daß Karl Furchtbares begangen habe, und diesem schreibt er, daß der Vater ihn verfluche. Karl, der gehofft hatte, des Vaters Verzeihung zu erlangen, und mit seiner Geliebten, Amalia, ein ruhiges Leben in seinem Heim führen zu können, sieht sich bitter getäuscht. Er verzweifelt an der Menschheit und wird jetzt durch diese Verzweiflung erst wirklich auf die Bahn des Verbrechens getrieben. Er stellt sich an die Spitze einer Räuberbande und will so Verbrechen durch Verbrechen aus der Welt schaffen. Es ist klar, daß ein solcher Plan nicht gelingen kann. Obwohl er selbst auf der Bahn der Schuld seinen edlen Charakter bewahrt und es ihm sogar gelingt, seinen Vater zu befreien, den der teuflische Franz in einen Turm gesperrt hat, um ihn von dem Schlosse wegzuschaffen, über das er allein herrschen will, muß sich Karl doch zuletzt gestehen, daß es eine Torheit war, die Ungerechtigkeit durch zügellose Willkür bekämpfen zu wollen. Er liefert sich deshalb selbst dem Arm der Gerichte aus.



EINLEITUNG ZU «KABALE UND LIEBE»

Unter den drückendsten Verhältnissen hat Schiller den Plan zu seinem Trauerspiel «Kabale und Liebe» entworfen und ausgeführt. Der Herzog Karl Eugen hat ihn sogar mit einem vierzehntägigen Arrest bestraft, als er ohne Urlaub nach Mannheim zu der ersten Aufführung seiner «Räuber» ge-

reist war. Während dieser Arrestzeit und im folgenden Wanderleben hat er dieses Trauerspiel geschrieben. Es ist hervorgegangen aus Schillers bitterem Gefühl über die unmoralischen Verhältnisse in den höchsten Ständen. Für ihn, der in jedem Menschen nichts als den Träger der Menschenwürde sehen wollte, war es gräßlich, wenn er sehen mußte, wie der Adelige auf den Bürger herabsah und ihn nicht als seinesgleichen gelten lassen wollte. Deshalb stellte er eine Handlung dar, in welcher diese Verhältnisse besonders stark zur Anschauung kommen. Ferdinand, der Sohn des Präsidenten von Walter, liebt Louise Miller, die Tochter eines Stadtmusikanten. Der Vater Ferdinands hat bestimmt, daß sein Sohn Lady Milf ord, die verlassene Geliebte des Fürsten, heiraten müsse. Der Sohn unterscheidet sich von seinen Standesgenossen dadurch, daß er keinen Unterschied zwischen Mensch und Mensch anerkennen will. Von Walter bietet alles auf, um seinen Sohn von dem Verhältnis zu Louise abzubringen, das er natürlich im höchsten Grade mißbilligt. Man greift zu einer List. Der Sekretär des Präsidenten, Wurm, bringt Louise dahin, einen Brief sich diktieren zu lassen, der bestimmt ist, Ferdinand das Vertrauen zu rauben, das er zu seiner Geliebten hat. Ferdinand wird dieser Brief dann zugesteckt. Der Brief ist ein Liebesbrief an den Hofmarschall von Kalb. Der teuflische Plan gelingt. Ferdinand muß glauben, daß ihn seine Geliebte betrogen hat. Er kann nicht mehr leben, da er an Liebe und Treue nicht mehr glauben kann. Er geht mit seiner Verlobten in den Tod. Zu spät, erst als die beiden Liebenden schon im Sterben liegen, teilt Louise dem Geliebten mit, in welch ein furchtbares Lügennetz er verstrickt worden ist.

In hinreißender Weise hat Schiller seinen ganzen Groll

gegen Zustände, die er verabscheute, in dem Trauerspiel zum Ausdrucke gebracht. Deshalb hat dies auch bei seiner Aufführung einen ungemeinen Erfolg gehabt. Man war ergriffen von der herrlichen Gestalt des biederen Stadtmusikus Miller, einem ehrlichen geraden Mann, der sich nicht dazu herabläßt, vor den Höherstehenden sich zu bük-ken, und der durch die Ränke von solchen verächtlichen Persönlichkeiten, wie der Präsident von Walter und sein Sekretär Wurm sind, in seiner Stellung und in seinem Familienglück zugrunde gerichtet wird.

EINLEITUNG ZUM «WALLENSTEIN»

Als Schiller in Jena die «Geschichte des Dreißigjährigen Krieges» schrieb, war es vorzüglich die Persönlichkeit des großen Feldherrn Wallenstein, die ihn interessierte. Dieser war es daher auch, den er sich zum Helden wählte, als er zur dichterischen Tätigkeit wieder zurückkehrte. Das Schicksal dieses Mannes, der erst seinem Kaiser die größten Dienste geleistet hat, dann, als er seinen Ehrgeiz nicht befriedigt sah, Partei gegen den Herrn ergriff, ließ sich nicht in ein einziges Drama bringen. Schiller stellte es daher in drei zusammengehörigen Dichtungen, in einer sogenannten Trilogie, dar. Der erste Teil, «Wallensteins Lager», schildert das Lagerleben des Dreißigjährigen Krieges. Es wird gezeigt, wie die Soldaten dem Feldherrn unbedingt ergeben sind. Alle Arten von Charakteren werden gezeichnet. Der echte damalige Soldat, der seinem Glücksstern folgt und sonst nichts kennt als diesen, in Buttler und dem Dragoner; der edle Soldat, der seinen Beruf ideal auffaßt, in Max Piccolo-

mini; der Glücksritter, der bald da, bald dort dient, in dem ersten Jäger und so weiter. Alle diese verschiedenen Soldatencharaktere sind darin einig, in jeder Lage bei Wallenstein auszuharren, auch wenn sich ein Zwiespalt zwischen ihrem Abgott und dem Kaiser herausstellen sollte. Sie fassen den Entschluß, in einem Schriftstück ihrem Feldherrn zu erklären, daß sie nicht von ihm lassen werden, was auch eintreten möge. In trefflicher Weise werden die Begebenheiten des Soldatenlebens unterbrochen durch eine Sittenpredigt, die ein Kapuziner im Lager hält über die Ruchlosigkeit der Soldaten und über die Sittenlosigkeit der ganzen Zeit. - Der zweite Teil «Die Piccolomini» schildert erst Wallenstein, wie er sich auf dem Gipfel dessen angelangt fühlt, was sein Ehrgeiz verlangt. Er strebt, da er seinem Glück unbedingt vertraut, sogar nach der Krone Böhmens. Solche Ziele kann er nur erreichen, wenn er einen Bund mit den Feinden des Kaisers eingeht. Er zögert mit diesem Plane zuerst aus zwei Gründen. Erstens kann er sich doch nicht sogleich entschließen, seinen Kaiser zu verraten, wenn er auch weiß, daß dieser schon lange den Ehrgeiz seines Feldherrn mit Mißtrauen verfolgt. Und zweitens ist Wallenstein abergläubisch. Er läßt sich durch einen Sterndeuter die Zukunft vorhersagen. Und er will so lange nichts unternehmen, bis ihm dieser Sterndeuter den richtigen Zeitpunkt bezeichnet. Die Generale Illo und Terzky erschleichen nun von den anderen Feldherren die Unterschriften für ein Schriftstück, in dem sie sich verpflichten, Wallenstein treu zu bleiben, auch wenn dieser den Kaiser verläßt. Das bemerkt Octavio Piccolomini, der vom Kaiser den Auftrag hat, Wallenstein zu überwachen. Durch ihn kommt Wallenstein zu Fall. Der Sohn Octavios, Max Piccolomini, liebt

Wallensteins Tochter Thekla und steht daher vor der schwierigen Wahl zwischen seinem Vater und dem seiner Verlobten. Den Ausgang stellt der dritte Teil des Dramas «Wallensteins Tod» dar. Wallenstein verbindet sich wirklich mit den Schweden. Max Piccolomini, der bis dahin nicht glauben konnte, daß der große Mann einen Verrat begehen könne, sagt sich nun auch von ihm los und findet im Kampfe den Tod. Octavio Piccolomini macht dem Wallenstein seine treuesten Anhänger abspenstig. Dieser sieht sich von allen verlassen. Er muß sich in die Festung Eger zurückziehen. Dort wird er ermordet.


VIER BIOGRAPHIEN

ARTHUR SCHOPENHAUER



Die deutsche Philosophie vor Schopenhauer

Die Jahre 1781 und 1807 schließen ein Zeitalter harter Kämpfe innerhalb der deutschen Wissenschaftsentwickelung ein. 1781 weckte Kant mit der «Kritik der reinen Vernunft» seine Zeitgenossen aus dem philosophischen Schlummer und gab ihnen Rätsel auf, um deren Lösung sich die Erkenntniskraft der besten Geister der Nation während des folgenden Vierteljahrhunderts bemühte. Es ist eine philosophische Erregung höchsten Grades bei den an diesen Geisteskämpfen Beteiligten zu bemerken. In rascher Folge löste eine Ideenrichtung die andere ab. An die Stelle der seichten Verstandesklarheit, wie sie vor Kant in den Büchern der philosophischen Literatur geherrscht hatte, trat wissenschaftliche Wärme, die sich allmählich steigerte zur hinreißenden Beredsamkeit Fichtes und zu dem poetischen Schwung, mit dem Schelling die wissenschaftlichen Ideen zum Ausdruck zu bringen wußte. Die Betrachtung dieser geistigen Bewegung ergibt das Bild eines unvergleichlichen geistigen Reichtums, aber auch das eines unruhigen hastigen Vor-wärtsstürmens. Manches Ideengebilde trat vorzeitig in die Öffentlichkeit. Die Denker hatten nicht die Geduld, ihre Ideen ausreifen zu lassen. Diese unruhige Entwickelung endigte mit dem Erscheinen von Georg Wilh. Friedr. Hegels erstem Hauptwerke, der «Phänomenologie des Geistes», im Jahre 1807. Hegel hat in Jena die letzte Arbeit an diesem Buche in den Tagen getan, als die furchtbaren Kriegswirrnisse des Jahre 1806 über diese Stadt hereinbrachen. Die

Ereignisse der folgenden Jahre waren nidit geeignet zu philosophisdien Kämpfen. Hegels Buch machte unmittelbar nicht einen solch starken, die Geister zur Mitarbeit herausfordernden Eindruck, wie ihn Fichte und Schelling bei ihrem ersten Auftreten hervorriefen. Aber auch deren Einfluß verlor sich allmählich. Für beide ist die Zeit ihrer Wirksamkeit an der Jenenser Universität die glänzendste ihres Lebens. Fichte lehrte an dieser Hochschule von 1794 bis 1799, Schelling von 1798 bis 1803. Der erstere siedelte von Jena nach Berlin über, weil ihn die von Neidern und Unverständigen erhobene Anklage wegen Atheismus mit der Weimarischen Regierung in Konflikt gebracht hatte. Im Winter 1804/5 hiek er m Berlin seine Vorlesungen über die «Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters», in denen er für idealistische Denkungsweise wirkungsvoll eintrat, und im Winter 1807/8 seine berühmten «Reden an die deutsche Nation», die auf die Erstarkung des nationalen Gefühles einen mächtigen Einfluß übten. Als Vorkämpfer nationaler und freiheitlicher Ideen, in deren Dienst er sein Denken und seine Beredsamkeit stellte, erzielte er in dieser Zeit eine kräftigere Wirkung als durch die philosophischen Vorlesungen, die er an der Berliner Universität von deren Errichtung im Jahre 1810 bis zu seinem 1814 erfolgten Tode hielt. Schelling, der nicht den Übergang von der philosophischen zur politischen Wirksamkeit fand, geriet nach seiner Jenenser Zeit bald völlig in Vergessenheit. Er ging 1803 nach Würzburg, 1806 nach München, wo er an dem Ausbau seiner Ideen arbeitete, für die nur wenige noch Interesse zeigten. Am Ende des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts ist von der Lebhaftigkeit der philosophischen Diskussion, die Kants revolutionäre Tat hervorgerufen, nichts mehr zu verspüren:

Fichtes und Schellings Zeit ist vorüber, Hegels Epoche noch nicht angebrochen. Dieser führt von 1806 bis 1808 als Redakteur einer Bamberger Zeitung und dann bis 1816 als Rektor des Nürnberger Gymnasiums ein stilles Dasein. Erst mit seiner Berufung nach Berlin im Jahre 1818 beginnt sein gewaltiger Einfluß auf das deutsche Geistesleben.

Damit sind die Verhältnisse gekennzeichnet, die Arthur Schopenhauer vorfand, als er, nach einem wechselvollen Jugendleben, im Jahre 1810 seine philosophischen Lehrjahre begann. Nachklänge Fichtescher, Schellingscher und vor allem Kantscher Anschauungen vernahm er von den Lehrkanzeln herunter und aus den Werken zeitgenössischer Philosophen. Die Art, wie Schopenhauer die Ansichten seiner großen Vorgänger, besonders Kants und Fichtes, zu Elementen seines eigenen Ideengebäudes machte, wird durch die Betrachtung des vor seiner Beschäftigung mit Philosophie gelegenen Abschnittes seines Lebens begreiflich.

Schopenhauers Jugendleben

Arthur Schopenhauer wurde am 22. Februar 1788 zu Dan-zig geboren. In dieser Stadt lebte der Vater, Heinrich Floris Schopenhauer, als wohlhabender Kaufmann. Dieser war ein Mann von gründlicher Berufsbildung, großer Welterfahrung, seltener Charakterstärke und einem durch nichts zu überwindenden Unabhängigkeitssinne. Die Mutter Johanna Henriette geb. Trosiener war eine lebenslustige, geistigen Genüssen ungemein zugängliche, künstlerisch veranlagte Frau mit einem starken Hang zu geselligem Verkehr, den sie bei ihrer Klugheit und geistigen Regsamkeit leicht befriedigen konnte. Heinrich Floris Schopenhauer war 41,

Johanna 22 Jahre alt, als aus ihrer 1785 geschlossenen Ehe Arthur, das erste Kind, hervorging. Ihm folgte 1797 das zweite und letzte, Adele. Die Eltern des Philosophen hatte nicht schwärmerische Leidenschaft zur Ehe getrieben. Aber das auf gegenseitiger Achtung begründete Verhältnis muß ein sehr glückliches gewesen sein. Johanna spricht sich darüber mit den Worten aus: «Ich durfte stolz darauf sein, diesem Manne anzugehören und war es auch. Glühende Liebe heuchelte ich ihm ebensowenig, als er Anspruch darauf machte.» Im Jahre 1793 wurde die bis dahin freie Stadt Danzig dem preußischen Staate einverleibt. Es widerstrebte der Gesinnung Heinrich Floris Schopenhauers, preußischer Untertan zu werden. Deshalb wanderte er mit Frau und Kind nach Hamburg aus. In den folgenden Jahren finden wir die kleine Familie häufig auf Reisen. Die Veranlassung dazu waren Sehnsucht Johannas nach Abwechselung in den Lebensverhältnissen, nach immer neuen Eindrücken, und die Absicht des Gatten, dem Sohne eine möglichst weitgehende, auf eigener Anschauung beruhende Weltkenntnis zu vermitteln. Arthur sollte, das hatte der Vater beschlossen, ein tüchtiger Kaufmann und ein weltmännisch gebildeter Kopf werden. Alle Erziehungsmaßnahmen wurden von diesen Gesichtspunkten aus unternommen. Den ersten Unterricht erhielt der Knabe in einem Hamburger Privatinstitut. Und schon im zehnten Lebensjahre trat er mit dem Vater eine große Reise nach Frankreich an, in welchem Lande er die folgenden zwei Jahre seines Lebens zubrachte. Nachdem Heinrich Floris Schopenhauer seinem Sohne Paris gezeigt hatte, führte er ihn nach Havre, um ihn bei einem Geschäftsfreunde, Gre*goire de Bl£simaire, zurückzulassen. Dieser ließ den jungen Schopenhauer gemeinsam mit dem eigenen

Sohne erziehen. Das Ergebnis dieser Erziehung war, daß Arthur, zur größten Freude seines Vaters, als vollkommener junger Franzose zurückkehrte, der eine Menge angemessener Kenntnisse sich angeeignet und die Muttersprache dermaßen verlernt hatte, daß er sich nur schwer in ihr verständlich machen konnte. Aber auch die angenehmsten Erinnerungen brachte der zwölfjährige Knabe aus Frankreich mit. In seinem 31. Jahre sagt er über diesen Aufenthalt: «In jener freundlichen, an der Seinemündung und der Meeresküste gelegenen Stadt verlebte ich den weitaus frohesten Teil meiner Kindheit.» Nach der Rückkehr ins Elternhaus kam Arthur Schopenhauer in eine von den Söhnen der vermögenden Hamburger besuchte Privaterziehungsanstalt, deren Leiter Dr. Runge war. In dieser wurde gelehrt, was geeignet ist, aus den Zöglingen tüchtige und gesellschaftlich gebildete Kauf leute zu machen. Das Lateinische wurde, nur des Scheines halber, eine Stunde in der Woche getrieben. Diesen Unterricht genoß Arthur Schopenhauer fast vier Jahre. Was ihm hier von Wissenschaften überliefert wurde, trat in der für die praktischen Ziele des künftigen Kaufmannes gemäßen Form an ihn heran. Aber es genügte, um in ihm eine mächtige Neigung zur Gelehrtenlaufbahn zu erwecken. Das gefiel dem Vater durchaus nicht. Der kam, nach seiner Ansicht, in die peinliche Lage, zwischen zwei Dingen wählen zu sollen: den gegenwärtigen Wünschen des geliebten Sohnes und dessen zukünftigem Lebensglück. Denn nur Armut und Sorgen, nicht Glück und Zufriedenheit, dachte Heinrich Floris Schopenhauer, könne der Gelehrtenberuf einem Manne bringen. Gewaltsam den Sohn in einen Beruf zu drängen, widerstrebte der Natur des Vaters, dem die Freiheit als eines der höchsten Güter des Menschen galt. Eine

List aber hielt er für statthaft und zweckmäßig, um den Jüngling von seiner Neigung abzubringen. Arthur sollte sich rasch entscheiden: entweder eine länger dauernde Vergnügungsreise durch einen großen Teil von Europa, die die Eltern unternehmen wollten, mitzumachen und nach der Rückkehr sich endgültig dem kaufmännischen Berufe zu widmen, oder in Hamburg zurückzubleiben, um sofort die lateinischen Studien zu beginnen und sich für den gelehrten Beruf vorzubereiten. Die herrlichen Erwartungen, die der Gedanke der Reise in dem jungen Schopenhauer hervorrief, bewirkten, daß er die Liebe zur Wissenschaft zurückdrängte und den dem Vater zusagenden Beruf wählte. Das war eine Entscheidung, die der Vater voraussah, da er des Sohnes Begierde, die Welt zu sehen, wohl kannte. Arthur Schopenhauer verließ im Frühjahr 1803 mit den Eltern Hamburg. Das nächste Ziel war Holland, dann wurde die Reise nach England fortgesetzt. Nach einem Aufenthalt von sechs Wochen in London wurde Arthur drei Monate zu Wimbledon zurückgelassen, um bei Mr. Lancaster die englische Sprache gründlich zu erlernen. Die Eltern bereisten in dieser Zeit England und Schottland. Der Aufenthalt in England erzeugte in Schopenhauer den Haß gegen die englische Bigotterie, der dem Philosophen durch das ganze Leben hindurch geblieben ist, aber er legte auch den Grund zu jener gründlichen Beherrschung der englischen Sprache, die ihn später im Gespräche mit Engländern selbst als solchen erscheinen ließ. Das Leben in der Pension Lancasters sagte Schopenhauer wenig zu. Er klagte in Briefen an die Eltern über Langeweile und über das steife, zeremonielle Wesen der Engländer. Eine allgemeine Verstimmung bemächtigte sich seiner, die, wie es scheint, nur die Beschäftigung mit der

sdiönen Literatur, namentlich mit den Werken Schillers, zu verscheuchen vermochte. Aus Briefen der Mutter ersehen wir, daß sie besorgt war, den Sohn könne die Vorliebe für poetische Lektüre für den Ernst des Lebens abstumpfen. «Glaube mir», schreibt sie ihm am 19. Juli 1803, «Schiller selbst wäre nie, was er ist, wenn er in seiner Jugend nur Dichter gelesen hätte.» Von England begab sich die Scho-penhauersche Familie über Holland und Belgien nach Frankreich. Es wurde Havre wieder besucht und in Paris längerer Auf enthalt genommen. Im Januar 1804 wurde die Reise nach Südfrankreich fortgesetzt. Schopenhauer lernte die Orte Bordeaux, Montpellier, Nimes, Marseille, Toulon, die Hyerischen Inseln und Lyon kennen. Von Lyon aus wandten sich die Reisenden nach der Schweiz, dann nach Schwaben, Bayern, Wien, Dresden und Berlin. Tiefgehend waren die Eindrücke, die Schopenhauer im Verlauf der Reise empfing. In Paris sah er Napoleon, kurz bevor dieser sich die Kaiserkrone (18. Mai 1804) erzwang. In Lyon erregte sein Gemüt der Anblick einiger Plätze, die an die Greuelszenen der Revolution erinnerten. Und überall waren es besonders die Schauplätze des menschlichen Elends, die er mit tiefem Anteil für die Unglücklichen und Bedrängten betrachtete. Ein unnennbares Wehgefühl befiel ihn zum Beispiel, als er im Bagno von Toulon das schreckliche Los von sechstausend Galeerensklaven sah. Er glaubte in einen Abgrund menschlichen Unglücks zu schauen. Mit Freude erfüllte ihn aber auch die Anschauung der herrlichen Naturwerke während seiner Reise, ein Gefühl, das sich in der Schweiz beim Anblick des Montblanc oder des Rheinfalls bei Schaffhausen bis zum Entzücken über die Erhabenheit des Naturwirkens steigerte. Vergleicht er doch später im

3. Buch des IL Bandes seines Hauptwerkes das Genie mit dem mächtigen Alpenberg, weil ihn die so häufig bemerkte trübe Stimmung hochbegabter Geister an den meistens von einem Wolkenschleier eingehüllten Gipfel erinnert und die aus der allgemeinen düsteren Grundstimmung des Genies zuweilen hervorbrechende eigentümliche Heiterkeit an den zauberhaften Lichtglanz, der sichtbar wird, wenn einmal frühmorgens der Wolkenschleier reißt und der Gipfel frei wird. Einen bedeutenden Eindruck machte auf Schopenhauer auch das Riesengebirge in Böhmen, das auf dem Wege von Wien nach Dresden aufgesucht wurde. Von Berlin aus trat Heinrich Floris Schopenhauer die Heimreise an, Arthur fuhr mit der Mutter noch nach seiner Geburtsstadt Danzig, wo er konfirmiert wurde. In den ersten Tagen des Jahres 1805 traf der nunmehr siebzehnjährige Jüngling wieder in Hamburg ein. Er mußte dem Vater nun Wort halten und sich ohne Weigerung dem Handelsstande widmen. Er trat bei dem Senator Jenisch in Hamburg in die Lehre. Die einmal erwachte Liebe zu den Wissenschaften ließ sich nicht ersticken. Der Handlungslehrling fühlte sich unglücklich. Nach der langen Reise, auf der täglich neue Bilder dem schaulustigen Auge geboten worden waren, konnte er die Einförmigkeit der Berufsarbeiten nicht ertragen, nach der zwanglosen Lebensführung der verflossenen Jahre erschien ihm die notwendige Regelmäßigkeit in seinem Tun wie Knechtschaft. Ohne inneren Anteil an den Obliegenheiten seines Berufes leistete er nur das Notwendigste. Dafür aber benützte er jeden freien Augenblick, um zu lesen oder sich seinen eigenen Gedanken und Träumereien hinzugeben. Ja er nahm sogar zu listigen Vorspiegelungen seinem Lehrherrn gegenüber Zuflucht, als er zum Besuche der Vorlesungen des da-



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