Die infizierte oder kritisch kolonisierte Wunde muss als



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Die  infizierte  oder  kritisch  kolonisierte  Wunde  muss  als

 Voraussetzung  zur  Heilung  saniert  werden.  Dabei  muss

 abgewogen  werden,  ob  Antiseptika  ausreichend  sind  oder

aufgrund systemischer Metastasierung darüber hinaus eine

Chemotherapie  erforderlich  ist.  Die  Schwierigkeit  für  die

Auswahl des Antiseptikums ist darin begründet, dass nur we-

nige vergleichende klinische Untersuchungen vorliegen. Des-

halb müssen alle Befunde, von der In-vitro-Testung bis zur

randomisierten,  kontrollierten  Studie  einschliesslich  Meta-

und Cochrane-Analysen, zu einer plausiblen Synopse zusam-

mengeführt werden (1).

Wundantiseptika sind als Arzneimittel oder als Medizinpro-

dukt zugelassen. Der Unterschied besteht in der hauptsächli-

chen Wirkungsweise. Arzneimittel wirken pharmakologisch,

metabolisch und/oder immunologisch. Wird die Hauptwir-

kung  von  Wundspüllösungen  und  Wundauflagen  überwie-

gend  auf  physikalischem  Weg  (Ausspülen,  Aufsaugen)  er-

reicht,  handelt  es  sich  um  Medizinprodukte.  Nicht  selten

werden allerdings dieselben Wirkstoffe als Arzneimittel und

als Medizinprodukt eingesetzt. In praxi sind die Übergänge

häufig fliessend, weil die physikalische Wirkung unter Um-

ständen schwierig von der pharmakologischen Wirkung zu

trennen  ist.  Die  richtige  Einordnung  als  Arzneimittel  oder

Medizinprodukt hat jedoch Auswirkungen auf den Umfang

der  pharmakologisch-toxikologischen  Prüfung  und  erfüllt

damit einen Schutzzweck für den Anwender (2).



Indikationen

Antiseptika werden prophylaktisch oder therapeutisch ein-

gesetzt zur:

O

Verhinderung der Infektion akuter verschmutzter Wunden 



O

Verhinderung von «Surgical Site Infections» (SSI)

O

Dekolonisation von mit multiresistenten Erregern (speziell



MRSA) kolonisierten Wunden 

O

Infektionsprävention bei Verbrennungswunden > 15 Pro-



zent der Körperoberfläche

O

Therapie klinisch manifester Wundinfektionen einschliess-



lich  sogenannter  kritischer  Kolonisation  chronischer

 Wunden.


Nicht  alle  kontaminierten  Wunden  entwickeln  eine  Infek-

tion. Da die physiologische Kolonisation der Wunde für den

Wundheilungsverlauf vermutlich sogar vorteilhaft ist, wurde

zur Abschätzung des Infektionsrisikos der «Wounds at Risk

Score» eingeführt. Erreicht der Score drei Punkte, ist eine an-

tiseptische Behandlung gerechtfertigt (Tabelle 1).



Biss- und Stichverletzungen

Bei frischer offener Verletzung gegebenenfalls chirurgisches

Débridement beziehungsweise umfangreiche Nekrosektomie

mit Entfernung von zerrissenem, zerquetschtem und devitali-

siertem  Gewebe,  danach  antiseptische  Spülung  mit  Povi-

don(PVP)-Iod/Alkohol oder bei Kontraindikation für Iod mit

Octenidin/Phenoxyethanol  (Oct/Phen),  keine  Antibiotika-

prophylaxe,  Primärverschluss.  Bei  nahezu  geschlossener

 frischer Verletzung (z.B. Katzenbiss) gegebenenfalls chirur -

gisches  Débridement,  Auflage  von  PVP-Iod/Alkohol-,  Oct/

Phen-getränkten Kompressen oder Eintauchen der Wunde in

die Lösung (z.B. an der Endphalanx) für etwa 15 Minuten,

keine Antibiotikaprophylaxe.

Bei  älterer  Verletzung  (etwa  nach  >  4  h)  gegebenenfalls

chirur gische  Wundversorgung,  parallel  zur  Antiseptik  ein-

malig  i.v.  oder  dosisadaptiert  orale  Gabe  von  Antibiotika

(empirisch Start mit Amoxicillin/Clavulansäure).

Bei älterer Verletzung nach zirka 24 Stunden gegebenenfalls

chirurgische  Wundversorgung,  danach  Antiseptik,  nur  bei

klinisch  ersichtlicher  Infektion/Entzündung  chirurgische

 Revision mit Eröffnung und Antiseptik sowie antibiotische

Therapie. Bei der Applikation ist darauf zu achten, dass die

Präparate nicht unter Druck angewendet werden und jeder-

zeit freier Abfluss gewährleistet ist (4, 5).

FORTBILDUNG

Wundantiseptik

Evidenz, Indikationen, Wirkstoffauswahl und Perspektiven

ARS MEDICI 9

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2016



419

Von Axel Kramer

O

Ohne Entfernung von Verunreinigungen und gegebenen-



falls chirurgischem Débridement versagt das beste

 Wundantiseptikum.

O

Chlorhexidin und zum Teil auch Povidon-Iod werden zu -



nehmend durch Octenidin und Polihexanid ersetzt.

O

Als neue Option ist die Kombination Natriumhypochlorit/



hypochlorige Säure (OCl) verfügbar.

O

In ihrer Effektivität umstritten sind silberfreisetzende



Verbindungen.

O

Entbehrlich sind Chlorhexidin, Chinolinole und Nitrofural.



O

Obsolet sind Farbstoffe, quecksilberorganische Verbin -

dungen, Wasserstoffperoxid und die lokale Applikation von

Antibiotika.

MERKSÄTZE



Verbrennung

Nach  systemischer  Stabilisierung  breitbandig  ungezielter

 antibiotischer  Abschirmung  sowie  Abtragung  nekrotischer

Gewebeanteile  werden  die  Wundflächen  inklusive  aufge-

brachter frischer Transplantate antiseptisch behandelt. Klei-

nere Verbrennungen IIa können konservativ mittels antisep-

tischer Verbände zur Abheilung gebracht werden (6). 

Verschmutzte akute Weichteilverletzung

Durch antiseptische Spülung mit PHMB (0,04%) wurde die

SSI-Rate  im  Vergleich  zu  PVP-Iod  (PVP-I)  (1%),  Wasser-

stoffperoxid  (WPO)  (4%)  und  Ringerlösung  signifikant

 reduziert (7). 

SSI-Prävention

Durch intraoperative Spülung vor Wundverschluss (8) und

Wundauflage  nach  Wundnaht  wurde  eine  signifikante  Re-

duktion der SSI-Rate erreicht (9).



Dekolonisierung von mit MRSA besiedelten Wunden

Die Indikation ist gegeben, wenn eine nosokomiale Verbrei-

tung verhindert werden soll oder sich schutzbedürftige Per-

sonen im Lebensumfeld des Betroffenen befinden. Während

die  Dekolonisierung  im  Vestibulum  nasi  im  Allgemeinen

nach 7 Tagen erfolgreich ist, werden auf Wunden zum Bei-

spiel für Mupirocin 2 Wochen empfohlen (10). 

Grundsätze zur Anwendung von Antiseptika

Vor jeder Anwendung sind folgende Grundsätze zu beachten:

O

Ohne chirurgische Wundversorgung, das heisst ohne Ent-



fernung von Verunreinigungen, gegebenfalls in Verbindung

mit chirurgischem Débridement beziehungsweise Nekros-

ektomie  von  abgestorbenem  beziehungsweise  zerstörtem

Gewebe, und bei chronischen Wunden ohne Behandlung

der zugrunde liegenden Begleitkrankheit versagt das beste

Wundantiseptikum. Deshalb ist als Erstes die Ätiopathoge-

nese der Wunde abzuklären, um gegebenenfalls die Wund-

heilung beeinträchtigende lokale und systemische Faktoren

zu eliminieren. 

O

Die  Wundbehandlung  ist  der  Wundheilungsphase  anzu-



passen,  insbesondere  in  Hinblick  auf  die  Auswahl  der

Wundauflage. 

O

Jeder Wechsel der Wundauflage erfordert aseptische Sorgfalt.



Kriterien für die Wirkstoffauswahl 

Bei akuten Wunden steht die rasch einsetzende Wirksamkeit

des  Antiseptikums  im  Vordergrund,  unter  Umständen  mit

 erforderlicher Tiefenwirkung (Biss-, Schussverletzung), ver-

bunden mit lokaler Verträglichkeit. Für chronische Wunden

kann  die  Einwirkungszeit  für  das  Erreichen  der  antisepti-

schen  Wirkung  aufgrund  wiederholter  Applikation  und

 Verbleib  auf  der  Wunde  länger  sein;  im  Idealfall  sollte  die

Wundheilung gefördert werden.

FORTBILDUNG

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ARS MEDICI 9



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Tabelle 1:

Infektionsrisiko bei Wunden (3)

Risikoklasse 

Risiko 

Scorepunkte

1

erworbene immunsuppressive Erkrankung (z.B. Diabetes mellitus)



je Risiko

erworbener Immundefekt durch medikamentöse Therapie 

1 Punkt

Erkrankung durch solide Tumoren



hämatologische Systemerkrankung

SSI mit ungeplanter Sekundärheilung 

durch Lokalisation mikrobiell besonders gefährdete Wunden (z.B. Perineum, Genitale)

problematische hygienische Bedingungen durch soziales oder berufliches Umfeld

(z.B. Landwirt, Lkw-Fahrer)

Lebensalter > 80 Jahre bzw. geringes Lebensalter (Frühgeborenes, Säugling, Kleinkind)

Bestandsdauer der Wunde > 1 Jahr

Wundgrösse > 10 cm

2

chronische Wunden aller Kausalitäten mit > 1,5 cm Tiefe



stationärer Langzeitaufenthalt des Patienten > 3 Wochen

2

schwerer erworbener Immundefekt (z.B. HIV-Infektion im fortgeschrittenen Stadium)



je Risiko

stark verschmutzte Akutwunde

2 Punkte

Biss-, Stich- und Schusswunde mit einer Tiefe von 1,5 bis 3,5 cm

3

traumatische verschmutzte Wunde nach Débridement



je Risiko

Verbrennungswunde > 15% Körperoberfläche

3 Punkte

Wunde mit direkter Verbindung zu Organen, Funktionsstrukturen (z.B. Gelenke)

bzw. mit körperfremdem Material

schwerste angeborene Immundefekte 

Biss-, Stich- und Schusswunde > 3,5 cm Tiefe



Wirksamkeit

Für  akute  Wunden  ist  eine  mikrobiozide  Wirkung  mit

 breitem  Wirkungsspektrum  (nur  in  speziellen  Situationen

auch  viruzid  und  sporozid)  erwünscht.  Für  chronische

 Wunden kann sich das Wirkungsspektrum auf grampositive

und  gramnegative  Bakterien  beschränken,  sofern  keine

davon abweichende Ätiologie diagnostiziert wurde. Für die

Antiseptik  sind  Wirkstoffe  ohne  Risiko  für  eine  Resistenz-

entwicklung, insbesondere ohne Kreuzresistenz zu Antibio-

tika, auszuwählen. 

Die Wirksamkeit von Antiseptika soll bei wundtypischer  orga -

nischer Belastung innerhalb der deklarierten Einwirkungszeit

eine Abtötung des Testorganismus ≥ 3 log

10

erreichen (11).



Verträglichkeit

Die  Wundverträglichkeit  soll  jener  von  Ringer  oder  Koch-

salzlösung oder eines wirkstofffreien Hydrogels entsprechen;

im Idealfall soll die Wundheilung gefördert werden. Es trifft

der chirurgische Aphorismus zu: Gib nichts in die chronische

Wunde,  was  du  nicht  ins  Auge  geben  kannst.  Sofern  zur

Wunde benachbarte empfindliche Gewebe exponiert werden

könnten (z.B. Knorpel, ZNS-Strukturen, Peritoneum), muss

die Verträglichkeit hierfür abgeklärt sein. Ferner sollen keine

Sensibilisierungspotenz und kein Anaphylaxierisiko gegeben

sein. Schliesslich ist das Risiko von Langzeitnebenwirkungen

(Mutagenität, Karzinogenität, Teratogenität) auszuschliessen. 

Ist der Quotient aus bakteriozider Wirksamkeit und Verträg-

lichkeit gegenüber humanen Primärzellen, beides für die glei-

che Einwirkungszeit ermittelt, > 1, wird das Antiseptikum in

wünschenswerter Weise besser von Zellen als von Bakterien

toleriert.  Das  trifft  zu  für  Oct,  Polihexanid  (PHMB)  und

PVP-Iod (Tabelle 2).

Eine noch sensitivere Aussage für eine selektive antiseptische

Wirkung ergibt sich, wenn in Kokultur humaner Zellen und

Bakterien  Letztere  abgetötet  werden,  während  die  Zellen

überleben. Das wurde für Natriumhypochlorit (NaOCl) (13)

und PHMB (14) nachgewiesen; dagegen wurde durch Was-

serstoffperoxid  (WPO)  die  Proliferation  von  Fibroblasten

unterbunden, während die Bakterien überlebten (15).

FORTBILDUNG

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Tabelle 2:

Quotient aus IC

50

für L929-Zellen und Reduktions -

faktor ≥ lg 3 für mikrobiozide Wirkung (12)

Wirkstoff

E. coli

S. aureus

Octenidin (Oct)

1,7

2,1


Polihexanid (PHMB)

1,5


1,4

Polividon-Iod (PVP-I; bezogen auf I

2

)

0,9



1,0

Chlorhexidindigluconat (Chx)

0,7

0,7


Triclosan

0,2


0,5

Silber (Ag-Protein; bezogen auf Ag)

0,2

0,1


Silbersulfdiazin (Ag

+

-Sulfadiazin) und



nicht kalkulierbar

Silbernitrat

unter Null

Tabelle 3:



Für die Anwendung auf Wunden relevante Merkmale antiseptischer Wirkstoffe

Wirkstoff

Wirkungs-

Tiefen-

Resistenz-

Wundheilung

Knorpelver-

Sensibilisie-

Systemische

eintritt

wirkung

1

entwicklung

träglichkeit

rung

Risiken

Polihexanid

S: langsam

1

Förderung



< 0,005% (17)

nein (18)

nein (18)

P: 0,5–3 h



Octenidin

S: rasch


2

2

wie Hydrogel



nein (17)

nein (19)

nein (19)

P: 5 min–10 h

bzw. Ringer (16)

Povidon-Iod

S: langsam

3

z.T. Hemmung



ja (17)

ja

ja (Schilddrüse)



P: 5–30 min

OCl

S: rasch


2

Förderung

?

nein


nein

P: 30 s–5 min

3

Essigsäure

?

2



0,15% 

?

nein



nein

Förderung (20)



Silberionen

S, P: sehr 

3

Hemmung


?

nein


ja

langsam


Chlorhexidin

S: langsam

1

keine 


nein

ja (selten)

?

Hemmung


S = Suspensionstest ohne Belastung (21)

P = Prüfkörpertest mit Belastung mit S. aureus bzw. P. aeruginosa (22)

OCI: Natriumhypochlorit/hypochlorige Säure

1

Da hierzu keine Untersuchungen vorliegen, können derzeit nur aufgrund physikochemischer Eigenschaften hypothetische Aussagen gemacht



 werden; 1 = oberflächliche Wirkung aufgrund hoher Eiweissbindung; 2 = gewisse Eindringtiefe; 3 = über 2 hinausgehende Eindringtiefe.

2

in Kombination mit Phenoxyethanol 2 oder 3.



3

ohne Belastung.

ja

nein



FORTBILDUNG

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Aktuelle Trends

Aufgrund der unterschiedlichen Eigenschaften antiseptischer

Wirkstoffe (Tabelle 3) zeichnen sich folgende Entwicklungs-

tendenzen ab. Chlorhexidin und zum Teil auch Povidon-Iod

werden  zunehmend  durch  Octenidin  und  Polihexanid

 ersetzt.  Durch  Lösung  des  Stabilitätsproblems  ist  als  neue

Option die Kombination Natriumhypochlorit/hypochlorige

Säure (NaOCl/HOCl = OCl) verfügbar. Essigsäure gewinnt

aufgrund neuer Untersuchungen an Interesse. In ihrer Effek-

tivität umstritten sind silberfreisetzende Verbindungen. Ent-

behrlich sind Chlorhexidin, Chinolinole und Nitrofural. Ob-

solet sind Farbstoffe, quecksilberorganische Verbindungen,

Wasserstoffperoxid  und  die  lokale  Applikation  von  Anti -

biotika (1). Das Fragezeichen bei Chlorhexidin in Tabelle 3

zu systemischen Risiken bezieht sich auf die Möglichkeit der

Abspaltung  des  karzinogen  wirkenden  4-Chloranilins  aus

dem Chlorhexidinmolekül.

Octenidin

In-vitro-  und  tierexperimentelle  Befunde:  Octenidin  über-

trifft im quantitativen Suspensionstest ohne Belastung Povi-

don-Iod (PVP-Iod), Polihexanid und Chlorhexidin deutlich

an  Wirksamkeit  (Tabelle  4)  und  besitzt  eine  ausgeprägte

 remanente  Wirkung  (23).  Auch  in  der  Relation  Wirksam-

keit/Zytotoxizität ist es PVP-Iod überlegen. Bei Prüfung auf

Metallprüfkörpern nach einer Stunde Antrocknung der Test-

bakterien  unter  Belastung  war  allerdings  PVP-Iod-Lösung

am  wirksamsten,  vor  Polihexanid-  und  Octenidin-Gel



(Tabelle 5).  Auch  in  einem  In-vitro-Wundmodell  war  wie-

derum  PVP-Iod  am  wirksamsten,  vor  Octenidin  und  Poli -

hexanid  (24).  Allerdings  übertraf  Octenidin  in  einem  Bio-

filmmodell mit P. aeruginosa PVP-Iod an Wirksamkeit (25). Ein

S.-aureus-Biofilm wurde innerhalb von fünf Minuten  nahezu

komplett eliminiert (26). Auch an der experimentellen Ver-

brennungswunde (Ratte) wurden Polihexanid und PVP-Iod

gegenüber  P.  aeruginosa  von  Octenidin  an  Wirksamkeit

übertroffen (27). 

In vitro werden Phagozytose und PDGF durch Octenidin sti-

muliert (19), was von Vorteil für die Wundheilung sein kann.

Bei > 2% mit Octenidin/Phenoxyethanol behandelten Patien -

ten entwickelte sich eine Kontaktdermatitis, wobei sich die

Abgrenzung  zwischen  allergischer  und  irritativer  Reaktion

allerdings als problematisch erwies (28).

Aufgrund der geringen Resorption ist keine systemische Ge-

fährdung bei der Anwendung auf Wunden zu befürchten (29).

Klinische  Studien:  Octenidin  ist  bei  guter  Verträglichkeit

 antiseptisch  effektiv  und  unterstützt  bei  der  Wundspülung

die Biofilmentfernung (19). Vor allem als Gel ist es für Ver-

brennungswunden geeignet. Bei mit multi resistenden Erregern

 kolonisierten  traumatischen  Amputa tions-  und  Splitter -

verletzungen  konnte  nach  Ausschluss  einer  floriden  syste -

mischen  Infektion  durch  konsequente  antiseptische  Wund-

versorgung  mit  Octenidin/Phenoxyethanol  in  Verbindung

mit Vakuumversiegelung auf eine Behandlung mit Antibio-

tika verzichtet werden (30). 



Warnhinweis: Kein Einbringen unter Druck in Haut oder in

Stichkanäle  ohne  Abflussmöglichkeit,  weil  ein  Verbleib  im

Gewebe zu Schädigungen führt (31); dagegen wurden durch

Spülung bei lokal begrenzten Haut-Weichteil-Infektionen im

Bereich der Hand bei gewährleistetem Abfluss keine Irrita-

tionen beobachtet (32).



Kontraindikationen: Peritonealspülung,  In-vitro-Applika-

tion,  Allergie,  Anwendung  auf  hyalinem  Knorpel  und  auf

ZNS-Strukturen  (Letzteres  ist  nicht  untersucht,  aber  für

Chlor hexidin  bekannt  und  daher  bis  zum  negativen  Aus-

schluss für Octenidin angebracht) (19).

Polihexanid

In-vitro- und tierexperimentelle Befunde: Die Wirksamkeit

unterscheidet  sich  nicht  wesentlich  von  Octenidin.  Bemer-

kenswert  ist,  dass  Polihexanid  intrazellulär  multiresistente

Staphylokokken (MRSA) durch direkte Interaktion mit den

Bakterien innerhalb von Keratinozyten abzutöten vermag (33).

Gegen P. aeruginosa ist die Wirksamkeit auch in Gegenwart

von  4%-Albumin  (34),  4,5%-Blut + 4,5%-Albumin  (35)

und  von  Wundflüssigkeit  gegeben,  wobei  zugleich  die

 Expression von Elastase gehemmt wird (36). In der Zellkul-

tur und beim Schwein wird die Wundheilung gefördert (37).

Tabelle 4:

Konzentration (mg/l) zur Erreichung des Reduk -

tionsfaktors 3,8 (C. albicans) bzw. 4,8 für die

Testbakterien bei 1 Minute Einwirkungszeit (21)

Wirkstoff

S. aureus

P. aeruginosa 

C. albicans

Octenidin

10

250


500

PVP-Iod


250

500


5000

Polihexanid

250

500


5000

Chlorhexidin

2000

5000


5000

Tabelle 5:



Einwirkungszeit für Reduktion 3 log

10

im Prüfkörpertest (22)

Prüfpräparat

Belastung

S. aureus

P. aeruginosa

PVP-Iod Lösung

Zellkulturmedium*

5 min


5 min

(10%)


30% Blut

30 min


30 min

Oct-Gel 0,1%

Zellkulturmedium*

5 min 


30 min

30% Blut


3 h

10 h


Oct-Gel 0,05%

Zellkulturmedium*

5 min 

30 min


30% Blut

3 h


10 h

PHMB-Gel 0,04%

Zellkulturmedium*

3 h


30 min

30% Blut


3 h

3 h


PHMB-Gel 0,02%

Zellkulturmedium*

3 h 

3 h


30% Blut

3 h


3 h

*Zellkulturmedium:  Minimal  Essential  Medium  (MEM)  +  10%  fötales

Kälberserum (FBS).

Oct: Ocetenidin; PHMB: Polihexanid; PVP-Iod: Povidon-Iod




Die Kapillardichte wurde beim M. cremaster (Ratte) sowohl

bei  Ein wirkung  von  Polihexanid  als  auch  von  Octenidin

 erhöht,  während  der  Arteriolendurchmesser  nur  bei  Poli -

hexanid einwirkung vergrössert wurde (38). 

Die Einstufung durch die Europäische Chemikalienagentur

(ECHA) in Kategorie 2 «kann vermutlich Krebs erzeugen» ent-

behrt der wissenschaftlichen Grundlage (Begründung in [39]).

Bei  bestimmungsgemässer  antiseptischer  Anwendung  kann

eine Gesundheitsgefährdung ausgeschlossen werden.

Klinische Studien: Polihexanid ist bei guter  Verträglichkeit an-

tiseptisch effektiv, auch gegen multiresistente  Sta phy lokokken

(MRSA) und Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) (37),

kann als Lösung zur Wundreinigung  eingesetzt werden und ist

zur Antiseptik bei kritisch kolo nisierten beziehungsweise infi-

zierten  chronischen  Wunden  einschliesslich  Verbrennungs-

wunden geeignet (37, 40–44). Durch mit 0,2%-Polihexanid

imprägnierte  Wundauflagen  wurden  auf  die  Haut  aufge-

brachte S. epidermidis innerhalb von 24 Stunden komplett eli-

miniert (45), was tierexperimentell für P. aeruginosa bestätigt

wurde (46). Wundauflagen unterscheiden sich in der Zytoto-

xizität nicht von der Polihexanid-freien Auflage (47). 



Warnhinweise  und  Kontraindikationen: Vom  Grundsatz

 gelten  die  gleichen  Einschränkungen  wie  für  Octendin;  da

mit  Polihexanid  keine  Anwendung  bei  Stichverletzungen

vorgenommen wurde, wird diese Kontraindikation aus dem

ähnlichen Molekülverhalten abgeleitet.

Natriumhypochlorit/hypochlorige Säure (OCl)

Nachdem  es  gelungen  ist,  die  Kombination  von  NaOCl/

HOCl zu stabilisieren, liegt eine kostengünstige ökologische

Neuentwicklung  vor,  weil  zur  Gewinnung  wässrige  NaCl-

Lösung elektrochemisch um gesetzt wird. Der derzeit übliche

Wirkstoffgehalt beträgt je 0,004% NaOCl und HOCl.

OCl



entsteht als Wirkprinzip bei der Phagozytose enzym-



vermittelt durch Myeloperoxidase, Eosinophilenperoxidase

und Superoxiddismutase und repräsentiert damit im Unter-

schied zu oberflächenaktiven Wirkstoffen einen physiologi-

schen Wirkungsmechanismus (48).



In-vitro- und tierexperimentelle Befunde: Ohne Belastung ist

OCl hoch effektiv gegen vegetative Bakterien, Bakterienspo-

ren, Aspergillen, Oozysten von Cryptosporidien und behüllte

Viren. In der Wirksamkeit gegen Biofilme war die Kombina-

tion Polihexanid/Betain etwas geringer wirksam als OCl (79).

Im Wirkungseintritt übertrifft es Povidon-Iod, Octenidin und

Polihexanid (50, 51). Es ist davon auszugehen, dass die Wirk-

samkeit durch Belastung reduziert wird; dem kann durch aus-

giebige beziehungsweise wiederholte Spülung begegnet werden.

Bei experimenteller Peritonitis der Ratte wurde die Überlebens-

rate im Vergleich zu NaCl ohne Nebenwirkungen erhöht (52).

Die Hemmung der Zytokinfreisetzung von Mastzellen kann

zur antiinflammatorischen Wirkung beitragen (53).

Verträglichkeit: An der Chorioallantoismembran erwies sich

OCl als nicht oder kaum reizend und wurde noch besser als

Polihexanid toleriert (Kramer, unveröff.). Auch im 3-D-Haut-

modell  ergab  sich  kein  Anhalt  für  Zytotoxizität  (54).  Die

Spülung infizierter chronischer Wunden wurde ohne Unver-

träglichkeit toleriert (55).

Es  gibt  keinen  Hinweis  auf  toxische  Risiken,  geprüft  nach

FDA-Standards (56). Für NaOCl besteht kein Anhalt für eine

karzinogene Gefährdung (57, 58). 

Klinische  Studien: Kasuistiken  berichten  über  die  Eradika-

tion von MRSA-Infektionen der Haut und der Schädelbasis,

die  Eradikation  von  MRSA,  P.  aeruginosa  und  E.  coli  bei

chronischen diabetischen Ulzera sowie über die erfolgreiche

adjuvante  Anwendung  bei  nekrotisierender  Weichteilinfek-

tion, Osteitis und Osteomyelitis (59–62). Bei Peritonitis, zum

Teil mit Peritonealabszess, war nach täglich zweimaliger Irri-

gation für 9 bis 12 Tage nach 3 bis 7 Tagen kein Bakterien-

nachweis  mehr  möglich  (63).  Bei  Peritonitis  wurden  post-

operative  Komplikationen  einschliesslich  SSI  ohne  Unver-

träglichkeiten reduziert (64).

Povidon-Iod

Je nach Testmodell ist die Wirksamkeit in vitro vergleichbar mit

Octenidin und Polihexanid oder geringer (Tabellen 4 und 5).

Da PVP-Iod  bezüglich Biokompatibilität Octenidin und Poli-

hexanid   unterlegen  ist,  eine  hohe  Sensibilisierungspotenz

 besitzt und resorptive Nebenwirkungen für die Schilddrüse

beachtet werden müssen, ist es in den letzten Jahren zu redu-

zierter  Anwendungsbreite gekommen. 



Empfehlungen zur Wundantiseptik 

O

Die Kombination Octenidin/Phenoxyethanol (Lösung) ist



für akute kontaminierte traumatische (einschliesslich mit

MRSA kolonisierter) Wunden insbesondere bei erforderli-

cher Tiefenwirkung geeignet. Zur Behandlung chronischer

Wunden  sind  Zubereitungen  mit  0,05%-Octenidin  zu

 bevorzugen, die als Gel oder Lösung mit Zusatz des ober-

flächenaktiven Ethylhexylglycerols verfügbar sind.

O

Aufgrund  der  Wundheilungsförderung  ist  Polihexanid



als  Wirkstoff  der  ersten  Wahl  für  infizierte  chronische

Wunden  und  für  Verbrennungswunden  anzusehen.  Eine

Senkung der SSI-Rate war erreichbar durch Wundspülung

traumatischer  kontaminierter  Wunden  nach  primärem

Wunddébridement  (65),  durch  Antiseptik  im  Eintritts -

bereich  des  Fixateur  externe  (66)  und  mit  Polihexanid -

getränkten Wundauflagen postoperativ auf die OP-Wunde

in  der  Herzchirurgie  (67).  Aufgrund  der  Studiendesigns

(retrospektiv  bzw.  Kohortenstudie)  beziehungsweise  des

geringen Stichprobenumfangs bedürfen diese Anwendun-

gen der weiteren Absicherung.

O

OCl  ist  Mittel  der  Wahl  zur  intensiven  antiseptischen



 Reinigung verschmutzter traumatischer Wunden und zur

wiederholten antiseptischen Reinigung chronischer Wun-

den bis zum Abschluss der Reinigungsphase. Dabei wird

auch MRSA eradiziert. Sofern das Risiko der Exposition

mit ZNS-Strukturen gegeben ist, kann OCl  eingesetzt wer-

den. Bei septischer Peritonitis ist OCl zur  Peritoneal spü -

lung einsetzbar.

O

PVP-Iod ist entbehrlich für chronische Wunden (68), aber



in Kombination mit Alkoholen aufgrund der Penetration

in die Wunde nach wie vor als Mittel der Wahl für Stich-,

Schnitt- und Schussverletzungen anzusehen (4).

Perspektiven

Negative Pressure Wound Therapy (NPWT)

mit Instillation von Antiseptika (NPWTi)

Da die NPWT keine direkte antimikrobielle Wirksamkeit be-

sitzt, ist es bei hoher Besiedelungslast in der Wunde vielver-

sprechend,  alternierend  Antiseptika  zu  instillieren.  NPWT

FORTBILDUNG

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2016




fördert aufgrund des feucht-warmen Milieus in Verbindung

mit  Unterdruck  die  Wundheilung  bei  nahezu  unbegrenzter

Drainagekapazität.  Günstige  Ergebnisse  mehrerer  kleiner

Studien mit Polihexanid, Octenidin, OCl und Essigsäure be-

dürfen der Bestätigung. 

Essigsäure

Die  Auslotung  der  Effektivität  essigsäurebasierter  Antisep-

tika  (0,25–1%)  ist  insbesondere  wegen  der  Wirksamkeit

gegen P. aeruginosa, der fehlenden Wundheilungshemmung,

der Azidität und des physiologischen Charakters des Wirk-

stoffs aussichtsreich (69, 70). 



Physikalische körperwarme Atmosphärenplasmen (KAP) 

Physikalisches Plasma wird zwischen zwei elektrisch gelade-

nen Hochfrequenzelektroden als flammenartiger Strahl aus

einer  Düse  herausgetrieben  (Plasma-Jet),  oder  es  entsteht

in einem elektrischen Spannungsfeld zwischen Gerät und zu

behandelnder Hautoberfläche (Dielectric-Barrier-Discharge-

[DBD-]Plasma). Die Kombination von DBD und Jet führte

zur Entwicklung der Entfernung von Biofilmen mittels Ober-

flächenentladung (Surface Micro Discharge, SMD). Mit der

Entwicklung transportabler Geräte eröffnen sich vielfältige

Möglichkeiten zur Anwendung in der Medizin. Diese fokus-

sieren sich zurzeit auf die Therapie chronischer Wunden (71)

und von Tumoren (72) sowie auf die Entfernung von Bio -

filmen auf Implantaten (73).

KAP  besteht  aus  geladenen  Teilchen  (Elektronen,  Ionen),

 reaktiven Sauerstoff- und Stickstoffmolekülen einschliesslich

Wasserstoffperoxid,  angeregten  Atomen  und  Molekülen

(z.B. Singulett-Sauerstoff), freien Radikalen, Photonen und

elektromagnetischen Feldern. Der Hypothese zur systemati-

schen Untersuchung von KAP zur Wundbehandlung liegen

folgende Sachverhalte zugrunde (74):

O

Jeder Heilungsprozess verbraucht Energie.



O

Das Zentrum chronischer Wunden ist hypoxisch und hy-

potherm,  defizitäre  Energiebereitstellung  im  Gewebe  be-

hindert die Wundheilung.

O

Erhöhte  Gewebetemperatur  (>  38  °C),  erhöhter  Sauer-



stoffpartialdruck  und  erhöhte  Durchblutung  fördern  die

Wundheilung. 

O

In der Wunde befindliche geschädigte Zellen hemmen die



Wundheilung.

O

Kritische  Kolonisation/Biofilmbildung  beziehungsweise



Infektion blockiert die Wundheilung. 

O

Endotoxinabsorption oder -bindung ist ein Adjuvans für



die Wundheilung.

O

Durch im KAP enthaltene Radikale wird der Heilungspro-



zess  der  chronischen  Wunde  über  das  Zwischenstadium

der akuten Entzündung in Gang gesetzt.

O

Die Existenz induzierter Ströme sowie die den elektrischen



Signalen zugrunde liegende Ionenverteilung sind von ent-

scheidender  Bedeutung  für  die  Steuerung  der  Zellmigra-

tion und Zellteilung am Wundrand. 

Bei chronischen Wunden verschiedener Haustierarten wurde

ausnahmslos komplette Heilung erzielt (75). Beim humanen

Ulkus  stimulierte  KAP  den  Heilungsprozess  stärker  als

Oct/Phen, obwohl Letzteres antiseptisch wirksamer ist und

KAP keine remanente Wirkung besitzt (76). In keinem Fall

wurden unerwünschte Nebenwirkungen beobachtet. Da der

Säugetierorganismus  über  vielfältige  Entgiftungsmöglich -

keiten für Sauerstoff- und Stickstoffradikale verfügt und die

Lebensdauer  der  KAP-Bestandteile  sowie  die  Eindringtiefe

mit 60 µm unkritisch sind (77), ist nicht zu erwarten, dass die

superfizielle  Behandlung  von  Wunden  mit  Langzeitrisiken

verbunden ist. Übereinstimmend dazu ergab sich für die von

uns  verwendete  Quelle  kein  Anhalt  für  Mutagenität  (76).

Bevor  jedoch  das  Risiko  der  karzinogenen  Potenz  nicht

 abgeklärt  ist,  ist  der  Einsatz  der  Plasmaquelle  zur  Wund -

behandlung beim Menschen ethisch nicht vertretbar (78).

O

Prof. Dr. med. Axel Kramer



Geschäftsführender Direktor

Institut für Hygiene und Umweltmedizin

Universitätsmedizin Greifswald

Walter-Rathenau-Strasse 49 A

D-17475 Greifswald

E-Mail: kramer@uni-greifswald.de

Interessenkonflikte: keine

Literatur unter www.arsmedici.ch

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Tabelle 6:

Fazit bisheriger klinischer Studien

Merkmal

NaOCl/ HOCl

Octenidin

Polihexanid

antiseptisch 

ja

ja

ja



effektiv

verträglich

ja

ja

ja



Wundheilungs-

ja* 


keine 

ja

förderung



Hemmung

Peritonealspülung 

möglich

kontra-


kontra-

bei sept. Peritonitis

indiziert

indiziert

Exposition 

verträglich

kontra

kontra-


ZNS-Strukturen

indiziert 

indiziert

Überlegen im Vergleich zu

Silberionen

tendenziell

signifikant

signifikant

PVP-Iod

signifikant



tendenziell

histologisch

eindeutig

überlegen

Chlorhexidin

keine Studie

keine Studie

signifikant

*Aus dem klinischen Vergleich mit NaCl abgeleitet.

Wegen mehr als 100 ausgewerteter Quellen wird auf die Zitation

verzichtet.



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