Rudolf steiner



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RUDOLF STEINER

Alte und neue Einweihungsmethoden

Vierzehn Vorträge,

gehalten in Dornach, Mannheim und Breslau
vom 1. Januar bis 19. März 1922

1967


VERLAG DER RUDOLF STEINER-NACHLASSVERWALTUNG
DORNACH/SCHWEIZ

Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften

herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung

Die Herausgabe besorgte Ernst Weidmann

l Auflage Gesamtausgabe Dornach 1967
Frühere Einzelausgaben:

Dornach 11 , 12. Februar 1922: «Alte und neue Einweihungs-


methoden», Dornach 1942

Dornach 24.—26. Februar 1922: «Drama und Dichtung im

Bewußtseinsumschwung der Neuzeit. Shakespeare, Goethe

und Schiller», Dornach 1956

Bibhographie-Nr 210

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,


ausgeführt von Hedwig Frey

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz


© 1967 b> Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schw eiz
Printed m Switzerland by Buchdruckerei Ariesheim AG, Ariesheim

ALS MANUSKRIPT GEDRUCKT

Über den Charakter dieser Privatdrucke äußert sich Rudolf
Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein Lebensgang» (35. und
36. Kapitel, März 1925) folgendermaßen:

«Als mündliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen


waren die Inhalte dieser Drucke gemeint...

Es ist nirgends auch nur in geringstem Maße etwas gesagt,


was nicht reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthropo-
sophie wäre ... Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im voll-
sten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen
hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken ... von der Ein-
richtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise der
Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen
werden müssen, daß in den von mir nicht nachgesehenen Vor-
lagen sich Fehlerhaftes findet.

Ein Urteil über den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird


ja allerdings nur demjenigen zugestanden werden können, der
kennt, was als Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und
das ist für die allermeisten dieser Drucke mindestens die an-
throposophische Erkenntnis des Menschen, des Kosmos, inso-
fern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und
dessen, was als ,anthroposophische Geschichte' in den Mit-
teilungen aus der Geist-Welt sich findet.»

INHALT


ERSTER VORTRAG, Dornach, 1. Januar 1922 .... 9

Neujahrsbetrachtung - Der Einfluß Luzifers und Ahrirnans


in des Menschen leiblicher, seelischer und geistiger Wesen-
heit

ZWEITER VORTRAG, Dornach, 7. Januar 1922 .... 24

Die Differenzierung der Menschheit nach Osten, Westen
und der Mitte. Betrachtungen über die Christus-Wesenheit

DRITTER VORTRAG, Dornach, 8. Januar 1922 . . . . 36

Die Entwickelung des religiösen Lebens in den nachatlan-
tischen Kulturen

VIERTER VORTRAG, Mannheim, 19. Januar 1922 ... 50

Intime Fragen des Seelen- und Geisteslebens - Das Über-
schreiten der Schwelle

FÜNFTER VORTRAG, Breslau, 1. Februar 1922 .... 70

Imagination, Inspiration und Intuition als Tatsachen des
Handelns auf dem Wege zur Wiederverkörperung

SECHSTER VORTRAG, Dornach, 11.Februar 1922 ... 80

Das alte Mysterienwissen - Der «Fürst dieser Welt» als
Gegner des Christus

SIEBENTER VORTRAG, Dornach, 12. Februar 1922 ... 95


Alte und neue Einweihungsmethoden

ACHTER VORTRAG, Dornach, 17. Februar 1922 . . . .114

Die seelischen Eigentümlichkeiten beim Durchgang der
menschlichen Geist-Seelenwesenheit durch die physisch-sinn-
liche Organisation im Erdenleben und nach dem Tode -
Heidentum und Judentum

NEUNTER VORTRAG, Dornach, 18. Februar 1922 . . .131

Der menschliche Organismus in seiner Dreigliedrigkeit und
die wiederholten Erdenleben - Heidentum und Judentum -
«Cyprianus» von Calderön

ZEHNTER VORTRAG, Dornach, 19. Februar 1922 . . .148

Der dreigliedrige Mensch in seiner Beziehung zu den vier
Elementen und zu Imagination, Inspiration und Intuition —
Cyprianus und Faust

ELFTER VORTRAG, Dornach, 24. Februar 1922 . . . .169

Shakespeare, Goethe und Schiller im Hinblick auf den gei-
stigen Umschwung im 15. Jahrhundert

ZWÖLFTER VORTRAG, Dornach, 25. Februar 1922 . . .187

Das Ringen Goethes und Schillers in der Zeit des über die
alte Geistigkeit siegenden Intellektualismus

DREIZEHNTER VORTRAG, Dornach, 26. Februar 1922 . . 204

Das Suchen des Zugangs zur geistigen Welt aus der moder-
nen Seelenverfassung heraus

vierzehnter vortrag, Dornach, 19. März 1922 . . . 224

Das Freiheitsideal bei Schiller und Goethe - Die Franzö-


sische Revolution -Wie kann der Mensch als soziales Wesen
zur Freiheit kommen?

Hinweise 239

Übersicht über die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 244

ERSTER VORTRAG


Dornach, 1. Januar 1922

Gestern habe ich von der Initiationswissenschaft nach verschiedenen


Richtungen hin gesprochen. Heute will ich einiges charakterisieren,
was in einem gewissen Sinne zu den gegenwärtigen Ausdrucksformen
der Initiationswissenschaft gehört. Wenn wir in der Gegenwart in bezug
auf alles Zivilisationsleben einen tiefen Riß wahrnehmen müssen und
als Menschen der Gegenwart, wenn wir ein volles Bewußtsein ent-
wickeln, mit einem gewissen tragischen Gefühl diesen tiefen Riß mit
seinen chaotischen Wirkungen in der Welt empfinden müssen, so
drückt sich nach einer gewissen Seite hin dieser Riß wohl dadurch ganz
besonders aus, daß der heutige Mensch keine Vermittelung erkennen
kann zu derjenigen Welt, zu der er aufschauen muß, wenn er seinen
eigentlichen Menschenwert und seine eigentliche menschliche Würde
ins Auge faßt: zu der moralischen Welt, zu der Welt auch, welche die
religiösen Empfindungen und die religiösen Versenkungen und Er-
hebungen der Menschenseele bringt.

Auf der ändern Seite schaut der Mensch zu dem, was das Natur-


dasein ausmacht, zu dem er ja auch gehört. Das Naturdasein stellte sich
im Laufe der letzten Jahrhunderte so vor die menschliche Seele hin,
daß es gewissermaßen alle Realität, alles wirkliche Sein verschlungen
hat. Das Naturdasein mit seinen gegenüber dem Moralischen gleich-
gültigen Gesetzen läuft ab in äußerlicher Notwendigkeit, und der
Mensch ist seinem alltäglichen Dasein nach in diese Notwendigkeit
eingespannt. Wie man auch Anfang und Ende dieser Notwendigkeit
begrenzt, es ist unmöglich, daß der Mensch, wenn er sich selbst inner-
halb dieser Notwendigkeit empfindet, zu seinem eigentlichen Mensch-
lichen kommt. Er muß vom Naturdasein aufblicken zu dem mora-
lischen Welteninhalte. Er muß die moralischen Welteninhalte auffas-
sen als dasjenige, was sein soll, was von ihm als Ideal betrachtet wer-
den soll. Aber keine Erkenntnis von der heutigen Art zeigt ihm, wie
die moralischen Ideale etwa einlaufen können in die Naturgesetze und
das Notwendige in den Dienst des Moralischen gestellt werden kann.

Für den heutigen Menschen zerfällt einmal die Welt in diese zwei


für das Gegenwartsbewußtsein unvereinbaren Glieder: die moralische
Welt und die materielle Welt. Der Mensch schaut hin auf Geburt und
Tod, findet von ihnen eingesäumt dasjenige Dasein, von dem ihm
allein die heute anerkannte Erkenntnis sprechen will. Der Mensch
muß andererseits aufblicken zu einer Welt, die sich über Geburt und Tod
erhebt, die gegenüber der stetig wandelbaren, eigentlichen materiellen
Welt, eine ewige Bedeutung hat, und er muß verbunden denken sein
seelisches Sein mit dieser ewigen Bedeutung der moralischen Welt. Aber
die platonische Weltanschauung, welche noch den letzten Rest des
Orientalismus enthalten hat, dahingehend, daß die äußere Sinneswelt
ein Schein, eine Illusion ist, und die Ideenwelt die wahre, die wirk-
liche Welt ist, diese platonische Weltanschauung findet für den heu-
tigen Menschen, wenn er im Gegenwartsbewußtsein stehenbleibt, keine
Antwort.

Hinstellen will sich die Initiationswissenschaft wiederum in die


menschliche Zivilisation, will die Menschen wiederum darauf hinwei-
sen, daß hinter derjenigen Welt, welche die Sinne wahrnehmen, eine
geistige Welt steht, daß in dieser geistigen Welt, zu der der Mensch
aufschaut als zu der moralischen, eine mächtige, eine kraftvolle, eine
reale Welt steht. Die Initiationswissenschaft muß gewissermaßen dem
Naturdasein die angemaßte absolute Realität wegnehmen und der
moralischen Welt wiederum Realität geben. Das kann sie nur, wenn
sie zu ändern Ausdrucksmitteln greift, als diejenigen sind, die aus dem
Umfange der heutigen Sprachen, aus dem Umfange der heutigen Ideen-
und Begriffswelt gegeben sind.

Es erscheint die Sprache der Initiationswissenschaft dem Menschen


der Gegenwart noch als etwas Fremdes, als etwas Illusorisches, weil
er nicht ahnt, daß hinter den Ausdrucksformen reale Kräfte stehen,
und daß der Mensch, ob er sich nun der äußeren Lautsprache oder
einer gestalteten Sprache bedient, eben immer genötigt ist, in der
Sprache nicht einen vollständig adäquaten Ausdruck zu haben von
dem, was er schaut, was er wahrnimmt. Was ist denn schließlich das
Wort «Mensch», wenn wir seinen Lautinhalt nehmen, gegenüber dem
reichen Inhalte, der sich uns darbietet an Geistigem, Seelischem und

Leiblichem, wenn wir einem wirklichen Menschen gegenüberstehen!


So auch stürmt, flutet und wirkt in mannigfaltiger Weise eine hinter
der Sinneswelt und in der moralischen Welt lebende übersinnliche Welt
in der Initiationswissenschaft. Und diese Initiationswissenschaft muß
mannigfaltige Ausdrucksformen wählen, um dasjenige auszudrücken,
was allerdings viel reicher erscheint, als es die Ausdrucksmittel geben
können.

Für den Menschen selbst in seinem unmittelbaren Dasein möchte ich


von einigen solchen Ausdrucksmitteln heute sprechen, Ausdrucks-
mitteln, die ja schon in diesen Tagen hier von der einen oder der än-
dern Seite genannt worden sind, und die denjenigen von Ihnen gut be-
kannt sind, die sich längere Zeit mit der anthroposophischen Geistes-
wissenschaft befaßt haben.

Man sagt mit Recht und auch mit Unrecht, das eigentliche wahre


Wesen des Menschen entziehe sich der Erkenntnis. Man kann das auch
in einem gewissen Sinne sagen, aber nicht in dem Sinne, wie es in der
Gegenwart sehr häufig gesagt wird. Das eigentliche Wesen des Men-
schen enthüllt sich für die Initiationswissenschaft allerdings so, daß
man es in unmittelbarer Weise nicht in Definitionen, in Beschreibun-
gen, in Erklärungen fassen kann. Wenn ich mich eines Vergleiches be-
dienen darf, so ist es für das Erfassen des menschlichen Wesens so, wie
wenn man bei einem Waagebalken den Punkt, um den er sich dreht,
zeichnen wollte. Man kann ihn nicht zeichnen. Ich kann das linke und
das rechte Stück der Waagebalken zeichnen, ich kann aber nicht den
Punkt zeichnen, um den sich der Waagebalken drehen wird. Der ist
etwas, was bestimmt ist dadurch, daß eben der linke Waagebalken
nach links, der rechte Waagebalken nach rechts bis zu diesem Punkte
geht beziehungsweise bei diesem Punkt der rechte Waagebalken be-
ginnt und von ihm weitergeht. In einer ähnlichen Weise läßt sich
nicht in adäquaten Begriffen und Ideen das menschliche tiefste We-
sen fassen. Aber es läßt sich fassen, wenn man zu schauen versucht
die Abirrungen von diesem Wesen. Das menschliche Wesen stellt
gewissermaßen einen Gleichgewichtszustand dar zwischen einer Ab-
weichung, die nach der einen Seite fortwährend gehen will und einer
solchen, die nach der ändern Seite fortwährend gehen will. Der

Mensch ist, so wie er im Leben dasteht, im irdischen Dasein fortwäh-


rend zwei Gefahren ausgesetzt: dem Abirren nach der einen oder nach
der ändern Seite - wie wir es mit technischen Ausdrücken nennen
können -, nach der luziferischen und der ahrimanischen Seite.

Im gewöhnlichen Dasein ist zunächst für den Menschen sein Gleich-


gewichtszustand dadurch hervorgebracht, daß sein ganzes, volles We-
sen nur zu einem Teil in die Leibesgestalt eingespannt ist, und daß
diese Leibesgestalt im ganzen Weitenzusammenhange nicht er im
Gleichgewichtszustände zu erhalten braucht, sondern daß geistige
Wesenheiten, die hinter ihm stehen, diesen Gleichgewichtszustand be-
wirken. So nimmt der Mensch im gewöhnlichen Erdendasein heute für
das gewöhnliche Bewußtsein die beiden Gefahren nicht wahr, durch
die er nach der einen oder nach der ändern Seite, nach der luziferischen
oder nach der ahrimanischen Seite, von seinem Gleichgewichtszustande
abweichen kann. Das ist gerade das Eigentümliche der Initiations-
wissenschaft, daß man sich wie auf einem hohen Felsen fühlt als
Mensch, wenn man beginnt, die Welt in ihrer Wesenheit zu durch-
schauen, auf einem hohen Felsen, links und rechts Abgrund. Der Ab-
grund ist immer da, aber für das gewöhnliche Leben sieht der Mensch
den Abgrund beziehungsweise die beiden Abgründe nicht. Will er sich
vollständig kennenlernen, so muß er die Abgründe wahrnehmen, muß
er wenigstens von den Abgründen wissen lernen. Nach der einen Seite
wird der Mensch nach dem Luziferischen, nach der ändern Seite von
dem Ahrimanischen gezogen. Und man kann das Ahrimanische und
das Luziferische charakterisieren, indem man den Menschen nach
Leib, Seele und Geist betrachtet.

Nehmen wir zunächst eine Betrachtung, die vom Gesichtspunkte des


leiblichen Wesens des Menschen ausgeht. Dieses leibliche Wesen des
Menschen ist nur äußerlich scheinbar für die Sinneswahrnehmung ein
Einheitliches. In Wahrheit ist der Mensch fortwährend eingespannt
zwischen den Kräften, die ihn verjüngen, und den Kräften, die ihn
greisenhaft machen, zwischen den Kräften der Geburt und den Kräf-
ten des Todes. In keinem einzigen Augenblicke des Lebens ist in un-
serem Leib bloß die eine Art von Kräften vorhanden; immer sind sie
beide da.

Wenn wir Kind sind, meinetwillen ganz kleines Kind, so überwie-


gen in uns die jungmachenden, die luziferischen Kräfte; aber tief zu-
rückgezogen sind in der menschlichen Natur auch schon die greisen-
haften Kräfte, diejenigen Kräfte, die zuletzt das Verkalken, das Skle-
rotisieren des Leibes hervorrufen, diejenigen Kräfte, die uns dann
zum Tode führen. Und beide Arten von Kräften müssen im mensch-
lichen Leibe sein. Durch die luziferischen Kräfte, die in ihm sind, hat
er eine fortwährende Möglichkeit, ich möchte sagen, nach dem Phos-
phorischen hin, nach der Wärme hin sich zu entwickeln. Im extremen
Fall, im Krankheitsfall, wirken diese Kräfte so, daß der Mensch in
das Fieber, in die Pleuritis hineinkommt, in entzündliche Zustände.
Aber diese Neigung für Fieber, für entzündliche Zustände ist immer
in ihm. Sie wird nur in Schach gehalten, im Gleichgewichte gehalten
durch die ändern Kräfte, die ihn verfestigen wollen, die ihn verkal-
ken, die ihn mineralisieren. Und darinnen besteht das Wesen des
Menschen, daß ein Gleichgewichtszustand da ist zwischen diesen bei-
den polarisch einander entgegengesetzten Kräftearten.

Man wird eine gültige Physiologie, eine gültige Biologie erst dann


haben, wenn man jedes einzelne Organ des Menschen und den ganzen

Menschen so betrachtet, daß Herz, Lunge, Leber und so weiter pola-


rische Gegensätze in sich enthalten, daß sie hintendieren auf der einen
Seite zur Auflösung in die Wärme, auf der ändern Seite zur Verfestigung
im Mineralischen. Man wird auch das Funktionieren der Organe erst
richtig verstehen, wenn man den ganzen Menschen und wiederum
jedes einzelne Organ von diesem Gesichtspunkte aus zu betrachten
vermag. Die Gesundheits- und Krankheitslehre des Menschen wird
erst auf einen gesunden Boden gestellt werden können, wenn diese
Polaritäten im physischen Menschen überall werden gesehen werden
können. Man wird dann zum Beispiel wissen, daß im Menschen, wenn
er dem Zahnwechsel unterliegt um das siebente Jahr herum, nach der
Kopfseite hin die ahrimanischen Kräfte wirksam werden, daß, wenn
der Mensch bei der Geschlechtsreife seine physische Natur nach der
Wärmeseite hin entwickelt, daß dann die luziferischen Kräfte tätig
sind, und daß der Mensch eigentlich in seinem rhythmischen Wesen
fortwährend hin und her Pendelschläge ausführt, auch in physischer
Beziehung, zwischen dem luziferischen und dem ahrimanischen
Wesen. Erst wenn man lernen wird, ohne Aberglauben, so mit wissen-
schaftlicher Exaktheit von dem Luziferischen und Ahrimanischen in
der menschlichen Natur zu sprechen, wie man heute ohne Aberglauben,
ohne Mystik von positivem und negativem Magnetismus spricht, von
positiver und negativer Elektrizität, von Licht und Finsternis spricht,
erst dann wird man in der Lage sein, eine solche Erkenntnis vom
Menschen zu gewinnen, welche gewachsen ist der abstrakten Erkennt-
nis von der unorganischen Natur, die wir uns errungen haben im
Laufe der letzten Jahrhunderte.

In abstrakter Art sprechen auch heute schon viele von allerlei Po-


laritäten im Menschen. Es gibt mystisch-nebulose Veröffentlichungen,
Publikationen, die allerlei Positives und Negatives in den Menschen
hineinbringen. Sie scheuen sich davor, den Aufstieg zu vollführen zu
einem viel Konkreteren, Geistigeren, aber geistig wirklich Konkreten,
und reden daher ebenso abstrakt von dem Menschlichen in seiner
Polarität, von Positivem und Negativem, wie sie in der anorganischen
Natur von der Polarität sprechen. Erst dann kann Wissenschaft vom
Menschen sein, wenn wir aufsteigen von den armen Begriffen des

Positiven und Negativen, von den armen Begriffen der Polarität, wie


wir sie in der anorganischen Natur finden, zu dem erfüllten Begriff
des Luziferischen und Ahrimanischen im Menschen.

Wenn wir zu dem Seelischen gehen, das sich als das zweite Glied


im höheren Sinne der menschlichen Wesenheit entfaltet, dann sehen
wir das Ahrimanische wirksam in allem, was die Menschenseele nach
dem rein verstandesmäßig-intellektuell Gesetzmäßigen hintreibt. Un-
sere Naturwissenschaft ist heute fast ganz ahrimanisch. Der Mensch
streift, indem er nach dem ahrimanisch Seelischen sich hinentwickelt,
alles ab, was die Begriffe, die Ideen mit Wärme durchglüht; er gibt
sich nur dem hin, was die Begriffe, die Ideen eiskalt und trocken
macht, und er fühlt sich dann ganz besonders im heutigen wissen-
schaftlichen Denken befriedigt, wenn er also ahrimanisch ist, wenn er
sich in trockenen und kalten Begriffen bewegt, wenn er alles, was
Welterklärung ist, so machen kann, daß es nach dem Muster gestaltet
ist, wie man die anorganische, die leblose Natur erkennt. Und indem
die Seele mit dem Moralischen sich durchdringt, erscheint in ihr das
Ahrimanische in alledem, was hinneigt zu dem Pedantischen, zu dem
Steifen, zu dem Philiströsen auf der einen Seite; dann aber auch wie-
derum zu dem Freien, zu dem Unabhängigen, zu dem, was die vollen
Früchte des materiellen Daseins aus diesem materiellen Dasein heraus-
ziehen will, was sich ganz dadurch vollkommen machen will, daß es
das materielle Dasein durchdringt.

Es erscheint eigentlich sowohl das Ahrimanische wie das Luzife-


rische immer von zwei Seiten. Auf der einen Seite stellt es etwas dar,
was ein Abweg ist. Das Ahrimanische stellt als einen Abweg das Pe-
dantische dar, das Philiströse, das einseitig Verstandesmäßige. Es stellt
auf der ändern Seite eben dasjenige dar, was durchaus in einer not-
wendigen Entwickelungslinie des Menschen nach vorwärts liegt, was
den Willen zur Befreiung, den Willen zum Benützen des materiellen
Daseins, zur Menschenbefreiung und so weiter entwickelt.

Das Luziferische in der menschlichen Seele stellt alles dasjenige


dar, wodurch der Mensch nach oben gewissermaßen aus sich hinaus
will. Er kann dadurch ins nebulos Mystische geraten. Er kann da-
durch in Regionen geraten, in denen ihm alles Denken über das Ma-

terielle unvornehm, niedrig erscheint, so daß er verleitet, verführt


wird dazu, dieses materielle Dasein ganz zu verachten und sich nur zu
ergehen in dem, was über dem Materiellen liegt, in alledem, was den
Menschen dazu verführt, Flügel haben zu wollen, um über sein Erden-
dasein wenigstens mit der Seele hinauszukommen. Das stellt ihm see-
lisch das Luziferische dar. Neben dem Ahrimanischen, der nüchter-
nen, trockenen, kalten Wissenschaft, tritt die schwüle Mystik auf,
tritt auf dasjenige, was in religiösen Bekenntnissen asketische Erden-
verachtung und so weiter wird.

Indem man das Ahrimanische und das Luziferische der Seele cha-


rakterisiert, sieht man, wie auch das menschliche Seelische in einem
Gleichgewichtszustande sein muß zwischen zwei polarischen Gegen-
sätzen. Man kann sagen, auch das Luziferische zeigt die Möglichkeit
eines Irrweges, aber auch die Möglichkeit einer notwendigen Fort-
entwickelung des richtigen menschlichen Wesens. Der Abweg ist die
verschwommene, verschwimmelnde, nebulos werdende Mystik, welche
alle klaren Begriffe in ein unbestimmtes, nebelhaftes Helldunkel zer-
flattert und dadurch den Menschen über sich selber hinausführen will.
Dasjenige aber, was nicht nur ein berechtigtes, sondern geradezu im
notwendigen Fortschritt der Menschheit liegendes luziferisches Wir-
ken ist, das zeigt sich dann, wenn der Mensch so schafft, daß er nicht
das materielle Dasein mit den heute realen Lebensprinzipien durch-
dringt, um die Impulse dieses materiellen Daseins voll auszunützen,
wie das im Ahrimanischen der Fall ist, sondern wenn er das materielle
Dasein bis zur Scheinhaftigkeit ablähmt und es in dieser Scheinhaftig-
keit benützt, um ein Übersinnliches darzustellen, um etwas darzustel-
len, was geistig wirklich ist, aber in dieser geistigen Wirklichkeit nicht
auch sinnlich wirklich sein kann durch das bloße Naturdasein.

Die luziferischen Kräfte geben so dem Menschen die Möglichkeit,


im sinnlichen Scheinesdasein das Geistige auszudrücken. Und das ist
das Bestreben aller Kunst, aller Schönheit. Luzifer wird damit auch
der Protektor der Schönheit, des Künstlerischen. Und wenn der
Mensch nun sucht das richtige Gleichgewicht zwischen dem Luzife-
rischen und Ahrimanischen, dann darf er in dieses Gleichgewicht hin-
einwirken lassen in der Form der Schönheit das Künstlerische, das

Luziferische. Es kommt nicht darauf an, daß man in einseitiger Weise


sagt, der Mensch müsse sich vor dem Ahrimanischen, vor dem Luzife-
rischen hüten. Es handelt sich darum, daß der Mensch die richtige
Stellung zu dem Ahrimanischen, zu dem Luziferischen finde, daß er
zwischen beiden immer seinen Gleichgewichtszustand behält. Behält
er diesen Gleichgewichtszustand, dann darf das Luziferische ins Leben
hereinscheinen in Form der Schönheit, in Form des Künstlerischen, in-
dem dadurch in das Leben ein Unwirkliches hereingezaubert wird,
das aber durch des Menschen Kraft selber in eine Scheinwirklichkeit



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