Slaby rev1 Affekt und Politik



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des Affizierens und Affiziert-Werdens, in deren Verlauf sich Entitäten mit ihren jeweiligen 

Eigenschaften herausbilden, konsolidieren, verändern und womöglich auch wieder auflösen.

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Transponiert man diese metaphysische Perspektive in die Sphäre individueller Erfahrung und 



interpersonaler Beziehungen, dann bezeichnet »Affekt« relationale Dynamiken im 

Interaktionsgeschehen zwischen Personen, die sich als Intensitäten, Tendenzen und Potenziale 

im Vorfeld der reflexiven Bezugnahme und außerhalb des sprachlich Kodierten abspielen.

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Charakteristisch ist eine von Massumi vielfach variierte Abgrenzung gegen sprach- und 

diskursorientierte Ansätze. So versteht Massumi auch Emotionen als die subjektive und 

diskursive Einhegung (capture) – und damit tendenziell: Zurichtung, Stillstellung, 

Vereinnahmung – von Affekt. Umgekehrt besitze Affekt das Potenzial, diskursive 

Fixierungen und eingefahrene Verständnisse aufzubrechen und Transformationen anzustoßen. 

Affekt steht für Potenziale, für das Virtuelle im Unterschied zum bereits auskonkretisierten 

Aktuellen. Nicht zuletzt diese schematische und stark wertende Gegenüberstellung von 

Emotion und Affekt hat Kritik provoziert, zumal es gelegentlich so klingt, als tendiere 

Massumi zu einem kruden, körperlich-naturalen Verständnis von Affekt.

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Wo liegt das politische Moment von Massumis Affektverständnis? In diagnostischer 

Hinsicht kann der Begriff des Affekts helfen, Wirkweisen politischer Kommunikation und 

Prozesse der Subjektivierung sichtbar zu machen. Hier zeichnet sich u.a. eine medienkritische 

Perspektive ab – wie wird etwa über Terrorlagen oder über bestimmte Menschengruppen 

berichtet? Welche Botschaften werden wie präsentiert, repetiert und dadurch amplifiziert? 

Zugleich fungiert »Affekt« bei Massumi als Sehnsuchtsbegriff, der die Gegenwart 

transformativer Potenziale selbst in den unauffälligsten Vollzügen des Alltags anzeigen soll; 

»Mikropolitik« ist dafür das Stichwort (vgl. S. 47-82).

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 Bisweilen scheint es gar so, als wolle 



Massumi eine »permanente Revolution« im Erleben, in der Wahrnehmung, im 

Relationalgeschehens des Mit-Seins herbeischreiben. Man kann bemängeln – und das gilt 

                                                 

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 Instruktiv als aktualisierende Spinoza-Lektüre und mit Blick auf die Anschlussfähigkeit von Spinozas 



politischer Philosophie ist S

AAR


Die Immanenz der Macht. Saar geht darin ausführlich auf den Status der 

ontologischen Begrifflichkeit Spinozas und deren Aktualisierungspotenzial ein. Einige Abschnitte dieses Buchs 

können direkt als Beitrag zur Diskussion um eine politische Affektivität gelesen werden, so etwa das Kapitel VI 

»Über Bilder und Affekte«. 

39

 Eine in der Sache konstruktive Kritik an Massumis affekttheoretischer Spinoza-Deutung stammt von M



OIRA 

G

ATENS



: »Affective Transitions and Spinoza's Art of Joyful Deliberation« in: A

NGERER


/

 

B



ÖSEL

/O

TT 



(H

G

.): 



Timing of Affect, S. 17-33. 

40

 Auch Mohrmann wendet sich en passant gegen Massumis Affektverständnis, dem sie – in einer allerdings 



stark vereindeutigenden Lesart – cartesianische Tendenzen attestiert (vgl. S. 19 u. 192). Validere Kritik, gerade 

auch an der politischen Mobilisierung von Affekt, übt C

LARE 

H

EMMINGS



: »Invoking Affect: Cultural Theory and 

the Ontological Turn« in: Cultural Studies 19(5) (2005), S. 548-567. 

41

 Einschlägige Referenz ist hier das Kapitel »Mikropolitik und Segmentarität« aus G



ILLES 

D

ELEUZE



/F

ÉLIX 


G

UATTARI


Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin 1993; vgl. auch W

ILLIAM 


C

ONNOLLY




Neuropolitics: Thinking, Culture, Speed, Minneapolis 2002. 


 

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zum Teil auch für Protevi – dass Massumi kein geschärftes Verständnis von Politik bzw. des 

Politischen anbietet, sondern diese Dimension weitgehend im Ungefähren belässt.

42

  

Das Buch Politics of Affect besteht aus sechs Interviews, die Massumi zwischen 2002 



und 2014 verschiedenen akademischen und künstlerischen Gesprächspartnern gegeben hat.

43

 



Die Gespräche umkreisen sein Affektverständnis und dessen theoretische Hintergründe, neue 

Modalitäten von Macht, affektive Wirkungen neuer Medien, Kapitalismus und dessen Kritik

Sprache und Erfahrung, die Potenziale der performativen Künste, kreatives Schreiben, das 

Ungenügen klassischer Ideologiekritik, und vieles mehr. Wie in akademischen Interviews 

üblich werden die Themen nicht in analytischer Tiefe adressiert. Politics of Affect lässt sich 

daher vor allem dann mit Gewinn lesen, wenn zugleich Massumis frühere Monographien 

studiert werden. 

John Protevis Political Affect: Connecting the Social and the Somatic (2009) ist 

demgegenüber eine Studie mit eigenständigem theoretischen Anspruch. Protevi verortet sich 

im Theoriehorizont der Hauptwerke von Deleuze und Guattari, dem Anti-Ödipus und Mille 



Plateaux, die er im Mittelteil von Political Affect in erhellenden Übersichten für Nicht-Kenner 

aufbereitet.

44

 Bei Protevi ist ein größeres Bemühen um Anschlussfähigkeit an aktuelle 



Forschungskontexte erkennbar. So bezieht er sich etwa auf die kognitionswissenschaftlich 

orientierte Philosophie des Geistes, insbesondere die 4E-Perspektive – the embodied, 



embedded, enactive and extended mind. Anders als Massumi strebt Protevi eine Anbindung 

an die interdisziplinäre Emotionsforschung an. Das ist ein Vorzug, denn damit demonstriert 

er, wie der dynamisch-prozessuale Affekt-Begriff sich gerade als Präzisierung und 

Intensivierung klassischer Emotionsanalysen bewähren kann. 



Political Affect wäre allerdings als Arbeit zu Affekt und Emotionen im engeren Sinn 

fehlbeschrieben. Protevi entwirft einen umfassenden Theorieansatz mit dem Ziel, die 

Verfasstheit und Formierung von bodies politic – sozio-somatischer politischer Formationen – 

auf den Ebenen IndividuumGruppe sowie Population nachzuzeichnen. Bodies politic ist ein 

gut gewählter Theoriebegriff. Einerseits wird damit ein Band zur Tradition der politischen 

Ontologie von Machiavelli und Hobbes bis Carl Schmitt geknüpft; andererseits wird Subjekt- 

bzw. Individuen-zentrierten Ansätzen der gegenwärtigen Forschung eine Kategorie 

                                                 

42

 Es kann so scheinen, als diene das Wort »political« nur dazu, um in manchen Kontexten als emphatischere 



Alternative für »social« zu fungieren. Letztlich fällt dann alles, was soziale Interaktionen, soziale Formationen, 

soziale Problematiken betrifft, unterschiedslos unter diese Rubrik. Mohrmanns Diskussion von Arendts On 



Revolution zeigt, wie zentral der Unterschied von »politisch« und »sozial« für die Frage nach politischen 

Emotionen ist (vgl. S. 30). 

43

 Einige der Interviews sind vor einigen Jahren bereits in einem vom Merve-Verlag kompilierten Band auf 



Deutsch erschienen: B

RIAN 


M

ASSUMI


Ontomacht. Kunst, Affekt und das Ereignis des Politischen, Berlin 2010 

44

 Auch Massumi hatte sich zu Beginn seiner Karriere als Deleuze/Guattari-Experte einen Namen gemacht, nicht 



zuletzt als Übersetzer und Herausgeber der einflussreichen englischen Ausgabe von Mille Plateaux




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