Soziobiologie – eine neue Grundwissenschaft für die Pädagogik?



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Hein Retter

Soziobiologie – eine neue Grundwissenschaft für die Pädagogik?



Zwei Elefantinnen betrachten einen nackten Mann. Ihr Blick wandert langsam von oben nach unten, hält inne bei einem bestimmten Organ und geht wieder zurück Richtung Mund. Kopfschüttelnd sagt die eine: „Da hat die Evolution wohl einen Fehler gemacht!“ – „Zum Aussterben verurteilt“, pflichtet die andere bei, „wie soll der sich ernähren?“

1 Einführung


Der amerikanische Biologe Edward O. Wilson veröffentlichte 1975 ein Buch mit dem Titel Socio­biology1. An Wilson anknüpfend hat sich seit Anfang der achtziger Jahre eine Disziplin etabliert, deren Einsichten nicht nur innerhalb der Biologie Bedeutung gewonnen haben, sondern ebenso in der Kulturanthropologie und den Sozialwissenschaften neue Impulse auslösten.2

Die Soziobiologie versucht, soziales Verhalten auf eine streng biologische Grundlage zu stellen. Dabei wird prinzipiell kein Unterschied zwischen menschlichem und tierischem Sozialverhalten gemacht, d.h. jene Postulate, die unter anthropologischen oder ethischen Gesichtspunkten von einer grundsätzlichen Differenz zwischen Mensch und Tier ausgehen, sind aufgehoben. Wilson meinte, mit dem Rüstzeug der modernen (die Genetik einbeziehenden) Evolutionstheorie könnten innerhalb der Sozialwissenschaften „neuartige und oft tiefgreifende Erklärungen“ von Geschlechterstrategien, Territorialverhalten, Polygamie, Nepotismus, sexueller Bindung und Kindesmord, ja sogar von Altruismus und Religion geliefert werden. Populationstheorie, Ökologie und Genetik sind dabei wichtige Hilfswissenschaften.

Soziobiologen untersuchen das soziale Verhalten von Lebewesen und verbinden empirische Erkenntnisse mit theoretischen Konstrukten, die auf der modernen (Darwinschen) Evolutionstheorie aufbauen. Dabei sind zunächst die Sprache und die Begrifflichkeit der Soziobiologie interessant, weil durch sie auch Sachverhalte mit sozial- und erziehungswissenschaftlicher Bedeutung dargestellt werden. Zentrale Begriffe, mit denen Soziobiologen tierisches wie menschliches Sozialverhalten auf die Evolution beziehen, sind:

Selektionsvorteil - Selektionsdruck - Anpassung (Adaptation) - Ressourcen - Reproduktionsrate - Konkurrenz - Gesamtfitness - genotypischer Egoismus - Elterninvestition - Kosten-/Nutzenbilanzen u.a.m.

Zu den besonderen Merkmalen von Organismen gehört die Fortpflanzungsfähigkeit. Die bei geschlechtlicher Vermehrung auftretende genetische Variation bietet den Selektionsvorteil verbesserter Adaption an vorgegebene Umweltbedingungen. Die Grundeinheiten der Erbinformation, die Gene, wurden metaphorisch auch als „Kopiermaschinen“, „Reproduktionsmaschinen“, „Überlebensmaschinen“ bezeichnet. 3 Ihr Schicksal ist es, in neu entstehenden Kombinationen (sowie durch Mutation hervorgebrachte Veränderungen) in reproduzierten Organismen fortzuexistieren. Insofern dies über einen längeren Zeitraum – über viele Generationen hinweg – geschieht, kann man auch von einem evolutionären „Erfolg“ sprechen. Biologisch erfolgreiche Individuen hinterlassen mehr Nachkommen als weniger erfolgreiche. Dementsprechend nehmen die genetischen Programme ersterer in der Population zu.4 Wenn der heutige Mensch erst ca. 40.000 Jahre alt ist und alle seiner direkten Vorläufer ausstarben, zeigt dies, dass die menschliche Evolutionsdynamik keineswegs nur durchgehend positive Entwicklungslinien besitzt, vielmehr im Anpassungsprozess an die Umweltgegebenheiten der Zufall und Existenzrisiken eine besondere Rolle spielten. Darwin etwa beschrieb ausführlich die radikale Dezimierung von Naturvölkern bis zum Aussterben als Folge von Naturkatastrophen sowie als Folge der Kolonialisierung (bedingt durch Krankheiten, Ausrottung und Vertreibung).5

Die Verlagerung des Lebensraumes aus dicht belaubtem Regenwald in weiträumige Savannen–Landschaften brachte vor vier bis fünf Millionen Jahren für die frühen Hominiden eine Vielzahl von riskanten, hochkomplexen Anpassungsprozessen mit sich - bezüglich Temperaturregulierung, Nahrungssuche, saisonaler Vorratshaltung, Schutz vor Feinden, sozialer Gruppierungen, Nestbau, Werkzeugherstellung u.a.m. Für den frühen Menschen, der Raubtieren relativ schutzlos ausgesetzt war und das Dauerproblem der Nahrungssuche lösen musste, bestand ein besonderer Selektionsdruck, welchem standzuhalten das Zusammenleben in Gruppen die bedeutsamste Überlebensstrategie bildete. Aber der Selektionsvorteil sozialen Zusammenlebens bringt gleichzeitig auch Nachteile mit sich. Für das Überleben der Population in sozialen Verbänden wirken sich z.B. Seuchen besonders nachteilig aus, ebenso entsteht ein erhöhter (weil ständig anhaltender) Konkurrenzdruck um Sexualpartner, Nahrungsverteilung und gute Wohnplätze. Würden alle Konkurrenzsituationen gleichsam durch ständigen offenen Schlagabtausch entschieden, erwüchse in der Dezimierung der Population ein Selektionsnachteil. Vorteilhafter sind klare Dominanzbeziehungen, die soziale Stabilität und funktionale Rollendifferenzierung sichern. Sie vermindern offene Aggressivität; echte Rangkämpfe treten nur unter bestimmten situativen Bedingungen auf.

Die Konkurrenzsituation im Sozialleben wird insbesondere beim männlichen Geschlecht sichtbar. Sie ist durch mehrere Faktoren gekennzeichnet: Machtausübung, Hierarchiebildung, soziale Unterwerfung, Schutz der Unterworfenen bei äußerer Gefahr, Koalitionsbildungen usw. Soziobiologisch betrachtet sind dies Anpassungsvorgänge, in denen letztlich auch die Dynamik der modernen menschlichen Gesellschaft ihren Ursprung hat.6 Wie an vielen Kulturen gezeigt werden kann, gelingt dominanten Machtträgern die Reproduktion von Nachkommen besonders erfolgreich. Ihr „Fitnessprogramm“ beruht erstens auf einem hohen Paarungserfolg (in polygynen Gesellschaften durch Haremsbildung mit vielen Frauen), zum anderen auf effektivem Schutz der jungen Generation vor frühem Tod bzw. sozialem Abstieg. Dem widerspricht nicht, dass in armen Ethnien ebenfalls viele Kinder zur Welt gebracht werden. Aber ihre Überlebenschance ist auf Grund fehlender Ressourcen sehr viel geringer.




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