Zugänge zu Grundfragen der Erkenntnistheorie am Beispiel der „Atomphysik“ Demokrits



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Zugänge zu Grundfragen der Erkenntnistheorie am Beispiel der „Atomphysik“ Demokrits
Allen ersten Philosophen liegt eine entscheidende Erfahrung zu Grunde: Die Welt ist nicht so, wie sie uns im Mythos erzählt und gedeutet wird. Tradiertes Wissen, auch wenn es uralt ist, kann falsch sein. So distanzieren sich z.B. Heraklit und Xenophanes in aller Deutlichkeit von den Erzählungen und religiösen Vorstellungen der epischen Dichter1. Woher nehme ich nun mein Wissen über die Welt?2. Wenn ich den Erzählungen nicht trauen kann, dann vielleicht meiner eigenen Erfahrung? „Antwortet“, wenn schon die Stimmen der Götter verstummt sind, wenigstens die „Welt“ auf meine Fragen? Sind die Sinnesorgane die entsprechenden Sensoren, die die Signale und Botschaften(?) der Welt/des Alls auffangen? Oder trügen bzw. betrügen mich die Augen und Ohren und führen mich ebenso wie die alten Geschichten in eine Welt des Scheins3? Muss ich also auf der Suche nach der „Wahrheit“ auch diese Welt zurücklassen und mich auf das „reine Denken“ konzentrieren?

Parmenides glaubte, nur mit seiner Denkkraft könne der Mensch zur Wahrheit gelangen. Diese Wahrheit „liege“ im Sein, das nur eins (mit sich selbst) sein könne, ewig, ohne Raum, Zeit und Bewegung, unveränderlich, unteilbar, kurzum vollkommen sein muss. Sogar die Negation dieses Seins ist unter dem Gesichtspunkt der Logik nicht denkbar und somit unerlaubt.4

Berühmt ist seine Formulierung: ἔστι γὰρ εἶναι, μηδὲν δ᾿ οὐκ ἔστιν = Sein nämlich (nur) gibt es, ein Nichts aber gibt es nicht.

Demokrit, der als Zeitgenosse des Sokrates wenige Jahrzehnte nach Parmenides schrieb und lebte, versuchte einen interessanten Mittelweg zwischen dem Vertrauen in die Sinneswahrnehmungen und der erschließenden Kraft der Logik zu gehen. Einerseits wollte er „hinter“ der Vielfalt der Erscheinungen und der Subjektivität der Wahrnehmungen einen elementaren Baustein ergründen, andererseits schloss er aus dem für ihn unleugbaren Phänomen der Bewegung auf ein zweites Urprinzip, das allem Seienden zu Grunde liegen müsse: der (leere) Raum. Diese kleinsten Bausteine nannte er, da sie wie das Sein des Parmenides nicht weiter zerlegbar bzw. teilbar5 sein durften, ἄ-τομοι6 (Atome), den Raum, in dem sie sich bewegten, τὸ κενόν = das Leere.

Alle mit unseren Sinnen beobachtbaren Dinge sind Zusammenballungen (Aggregate) von Elementarteilchen, die prinzipiell, also kraft eines logischen Postulats existieren und unteilbar sein müssen. Sie sind allerdings für das Auge zu klein, um wahrgenommen werden zu können. Das Leere nennt Demokrit auch das Nichtseiende. Dieses Nichtseiende (τὸ μὴ ὄν) bildet zusammen mit dem Seienden ( τὸ ὄν, ἄτομοι) die elementare Wirklichkeit7. Die Vorstellung, die Welt bestehe aus zwei (polaren, d.h. letztlich zusammengehörigen) Gegensätzen, ist bereits in den Erzählungen des Mythos zu finden; so sind etwa aus dem Chaos Himmel und Erde, Tag und Nacht, Liebe und Streit entstanden, freilich muss man sich diese Paare noch als persönliche (anthropomorphe) Kräfte vorstellen, bei Demokrit findet sich das Gegensatzpaar in seiner größtmöglichen Abstraktion (Sein und Nichts). Der Mensch findet sich mit seinen Nöten und Freuden in dieser Abstraktion nirgends mehr. Unbehaustheit und Entfremdung sind bis heute nicht zu unterschätzende Folgen: „Welt“ und Mensch haben miteinander immer weniger zu tun, die von den Menschen erlebte (Um)Welt ist nun von der Wirklichkeit, die die Naturwissenschaftler beschreiben, getrennt, die Welt hat mit der vorsokratischen Aufklärung ihre menschlichen (animistischen) Züge verloren. Der Nobelpreisträger Jacques Monod schreibt treffend, dass für den Menschen nur mehr ein „ängstliches Suchen in einer eisigen, verlorenen Welt“ übrig bleibe. Diese Weltsicht sei bis heute von den Menschen (emotional) nicht akzeptiert worden, hätte sich jedoch auf Grund der ungeheuren Leistungsfähigkeit durchgesetzt. Diese Sicht des Kosmos, die Bedeutungen, Zwecke, Ziele (kurz einen Sinn) ausschließt, bringe dafür Kenntnisse und Leistungen, je mehr wir aber über das Universum wüssten, desto sinnloser – so etwa der Kosmophysiker Steven Weinberg - erscheine es uns8.

Demokrit selbst hat jedoch noch genügend (gesunden?) Menschverstand besessen, um seine Sicht des Kosmos nicht für das Ganze zu nehmen. Der Mensch verlangt ja, insofern er vor allem ein Kulturwesen ist, eine völlig andere Betrachtungsweise als die der Naturwissenschaften9. Daher verfasste Demokrit auch Denksprüche und Unterweisungen, die das menschliche Zusammenleben erleichtern und dem einzelnen Menschen als Lebenshilfe dienen sollten. Doch darüber ein andermal.




1 Vgl. z.B. Heraklit DK 5, 40, 42, Xenophanes DK 11, 12

2 „Über die Natur/Welt (περὶ φύσεως)“: So betitelten die meisten Vorsokratiker ihre Schriften. Mit dieser Art des Denkens begann ein Zurückdrängen der traditionsgeleiteten Vernunft zugunsten eines a-historischen, auf Beobachtung und Theorienbildung basierenden Weltverständnisses. Diese Einseitigkeit ist für das Wohl des Menschen nicht ungefährlich und wurde von großen Denkern immer wieder korrigiert (vgl. z. B. die Wertschätzung des Mythos durch den platonischen Sokrates) oder die Auseinandersetzung P. Feyerabends mit dem Molekularbiologen und Nobelpreisträger Jacques Monod (in: Widerstreit und Harmonie, 49 ff.)

3 So etwa die Annahme des Parmenides, der glaubt, die Sinnesorgane führen uns nur in die Welt der δόξαι, d.h. in die Welt der verschiedenen Ansichten und der daraus resultierenden Meinungen über die Welt, wie die Welt aber tatsächlich ist, bleibt den Sinnesorganen und den aus ihren Erfahrungen abgeleiteten Theorien verschlossen. Ironisch und scherzhaft entgegnet z. B. auch P. Feyerabend seinen Hörern, die vielleicht glaubten, sie könnten bei ihm die Wahrheit über die Welt erfahren, sie würden bei ihm kaum etwas anderes als (eine besondere Form) von Märchen zu hören bekommen, und wenn sie damit nicht zufrieden seien, müssten sie sich an jemand anderen wenden, nur er wisse bei seinem Leben nicht, wohin sie da gehen sollten ( p 23f. op. cit. Fußnote 26).

4 Vgl. Parmenides DK 2, 6 ,7

5 Teilung und Teilbarkeit spielen bis heute ein entscheidendes Kriterium bei der Suche nach den Anfängen und Bausteinen der Welt. So war auch der folgenschwere Versuch der Atomspaltung zunächst keineswegs auf die Produktion von Waffen oder medizinischen Heilverfahren ausgerichtet, sondern sollte (wenigstens vorläufig) die Frage nach dem Aufbau der Welt beantworten. Solange noch Trennung und Teilung möglich ist, so der entscheidende Gedanke, ist man noch nicht bei den elementaren Bausteinen angelangt.

6 zu τέμνω = ich schneide + vorangestelltes α-privativum;

7 Für die zwei „Elemente“ -Demokrit spricht auch von den στοιχεῖα- verwendet er also im G folgende Bezeichnungen: τὸ κενόν = das Leere, τὸ μὴ ὄν = das Nichtseiende, τὸ μανόν = das Dünne, das Fehlende, τὸ πλῆρες = das Volle, τὸ στερεόν = das Feste, αἱ ἄτομοι, τὸ ἄτομον = Atom(e), τὸ ὄν = das Seiende, τὸ δέν = das „ICHTS“ (nach DK) bzw. S (nach Kirk/Raven)

8 Vgl. dazu p. 14 f in „Widerstreit und Harmonie“

9 Bei den antiken Philosophen sind Natur- und Geisteswissenschaften noch nicht auseinander gerissen. Die geschichtlich bedingte und auf Grund des enormen, ja explosionsartigen Wissenszuwachses der Naturwissenschaften unumgängliche Teilung und weitere Aufsplitterung in die vielen Einzelwissenschaften war ja ein wichtiger Grund für die „Leistungsfähigkeit“ der Naturwissenschaften.

Einführung in die (griechische) Philosophie für junge Leute, (ἀρχή - Antwortversuche, Demokrits Atomphysik, Erkenntnistheorie)

Derndorfer Heribert






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