Zeugen des gegenwärtigen Gottes Band 001 Friedrich von Bodelschwingh Der Vater des Bethel-Werkes



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Friedrich von Bodelschwingh

Vater Bodelschwingh hat der ganzen Welt den Tatbeweis des Christentums geliefert in seiner Person und in seinem Werk; er hat unter uns ein Denkmal der Barmherzigkeit auf gerichtet. So hat sein Name noch heute einen besonderen Klang. Wer aber kennt diesen Menschen wirklich? Wer weiß, woher ihm die Kraft wurde, immer neue Aufgaben anzufassen und sie allen Schwierigkeiten zum Trotz durchzuführen? Wer kennt die Ausrüstung, die der Mann der Liebe in schwerer Schule erfahren hat, bis er wurde, was er war?

Pastor Senf, ein Mitarbeiter von der Leitung der Hoffnungstaler Anstalten, des letzten großen Bodelschwinghschen Werkes in Lobetal vor den Toren Berlins läßt uns in diesem Büchlein einen Blick tun in das Geheimnis von Bodelschwinghs Leben. Wir sehen sein Werden in Gottes Schule, seinen Dienst im Kleinen und an den Geringen, sein Ringen um die Seele des deutschen Arbeiters, seine Hingabe an das Werk der Äußeren Mission, seinen Eifer für den Bau der Kirche, die auf der Bruderschaft derer beruht, denen Barmherzigkeit widerfahren ist, und die Gottes Auftrag in der Welt ausführen wollen. Dieser Tatsachenbericht spricht auch zu denen, die bisher Bodelschwinghs Werk nur von außen kannten.

Friedrich von Bodelschwingh

Der Vater des Bethel-Werkes

Von

Ernst Senf


5. Auflage
(23.— 28. Tausend)





BRUNNEN-VERLAG • GIESSEN UND BASEL

Band 1 der Sammlung
„Zeugen des gegenwärtigen Gottes'

INHALTSVERZEICHNIS



Friedrich von Bodelschwingh 3

Friedrich von Bodelschwingh 3

Zur Einführung 5

Herkunft und Werdegang 7

Berufung 16

Zubereitung 26

Schwere Wege 38

Samariterdienst 45

Vom Kleinen zum Großen 56

Dienst am Arbeiter 62

Erziehungsarbeit 70

Für eine lebendige Kirche 74

Praktische Erziehung der Theologen 79

Aeußere Mission 81

Der Heimgang 83

Was können wir von Vater Bodelschwingh iernen? 85


Was können wir von Vater Bodelschwingh lernen? 86

Das Umschlagbild ist mit freundlicher Genehmigung der
Leitung der Betheler Anstalten nach dem bekannten
Porträt Bodelschwinghs von dem Maler Schulte vom Hofe
wiedergegeben.

Copyright 1954 by Brunnen-Verlag, Gießen.

Druck: Buchdruckerei Hermann Rathmann, Marburg/Lahn.

Zur Einführung

„Wenn es gelingt, unsere Arbeit unter den Blickpunkt der Ewigkeit zu bringen, dann dient alles dem ewigen Ziel."1)

Die evangelische Kirche kennt keine „Heiligen", wohl aber hat sie in ihren Reihen Männer und Frauen, in denen etwas von dem Wesen des Herrn Jesu Gestalt gewonnen hat. Ihr Leben ist ein Zeugnis von der Macht Christi, ihr Werden ein Zeugnis davon, wie der lebendige Gott aus den irdischen Gegebenheiten eines Menschenlebens sich Werkzeuge zubereitet, die er brauchen kann. Bodelschwingh ist solch ein Werkzeug in Gottes Hand. Seine Gemeinde — es ist eine Gemeinde, die über die ganze Welt reicht •— hat ihm den Ehrennamen „Vater" gegeben. Sie hat auf diese Weise zum Ausdruck gebracht, daß man sich in seiner Nähe geborgen vorkam. Weil Bodelschwingh selber in der Geborgenheit des Kreuzes stand, spürten die Menschen, die zu ihm kamen, etwas von der Macht und der Sicherheit, die vom Kreuz herkommt und dem Leben eine neue Bahn weist. Der Wanderer hat es auch gespürt, der zu Vater Bodelschwingh kam, wieder einmal ganz abgerissen und müde, und sagte: „Herr Pastor, vor sechs Jahren haben Sie mit mir gebetet; das hat bis jetzt vorgehalten. Nun geht es nicht mehr; beten Sie wieder mit mir!"

Es ist etwas Geheimnisvolles umdiesenMann; wer ihm begegnete, bekam einen unvergeßlichen

Eindruck. Er gehörte zu den seltenen Menschen, die, wie man es manchmal ausdrückt, eine doppelte Bekehrung erlebt haben: die erste vom natürlichen Menschen zum Christen, die zweite vom Christen zum Menschen. Bei ihm war alle Frömmigkeit natürlich, da war nichts Gemachtes und Gekünsteltes, nichts Süßliches und Geschraubtes; das Natürliche war geheiligt, das Heilige war natürlich geworden. Darum verstanden ihn auch die, deren Ohr längst taub geworden war für die Stimme aus der Höhe. Darum reicht die Wirkung seines Lebens auch weit hinaus über den Kreis der Kirchenchristen und tief hinein in die Reihen derer, die schon jede Verbindung mit der Kirche zerrissen haben, und derer, die in anderen christlichen Kreisen leben. Er sprach die Sprache der Liebe, und die wurde überall verstanden.

Bodelschwingh hat nie etwas „machen" wollen. Er sagte manchmal, wenn er gefragt wurde, wie sein Werk geworden sei: „Ich habe immer nur gebremst." Er hatte die neuen Augen, die die Not sahen, die Ohren, die den Hilfeschrei der Verzweifelnden hörten, und das Herz, das es nicht fertigbrachte, daran vorüberzugehen. Er mußte helfen.

Er erschrak nicht vor der Größe der Not, auf die er stieß; er bebte nicht davor zurück, allein und als erster eine ihm auf seinen Weg gelegte Aufgabe anzufassen. Er hörte seines Herrn Stimme: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt." Mehr als einmal hat man ihn einen Narren, einen unverbesserlichen Idealisten gescholten, ihm die völlige Ergebnislosigkeit aller seiner Liebesmühe prophezeit; er ist seinen Weg im Glauben gegangen: „Auf Dein Wort!" -— und ist nicht zuschanden geworden. Auf diesen wagenden Glauben ist sein Werk gegründet: Bethel, die Heimat der Epileptischen; die Arbeiterkolonien, die Heimat der Wanderer; die Eigenheime, die Heimat der „Bodenlosen"; die Bethelmission. Alles aus den kleinsten Anfängen.

Sein ganzes Leben — fast 80 Jahre — war Leben im Dienst und darum ein reiches Leben, reich an Arbeit, an Freude und Leid — aber auch reich an wunderbaren Führungen und Tröstungen Gottes. Der Name Bodelschwingh hat seinen eignen Klang in der Welt und — was mehr bedeutet, in Geschichte und Gegenwart der christlichen Kirche: in ihm erschien den Deutschen ein barmherziger Samariter.

Herkunft und Werdegang

„Aus den Wundern seiner Gnade und Herrlichkeit steigt Lebenssaft in die dürren Bäume unseres Lebens."

Bodelschwinghs Heimat ist Westfalen. Zwei Stunden westlich von Dortmund, am Ausgang einer engen Waldschlucht, liegt das Stammschloß des Geschlechts: „Haus Bodelschwingh". H e i m a t ist aber mehr als nur der Boden und das Land, dem man entstammt; Heimat ist auch die Verbundenheit mit den Geschlechtern, die vorangegangen sind, Verbundenheit mit ihrem

Erleben, ihrem Wirken, ihrer Geschichte. Einer der Vorfahren Bodelschwinghs soll unter der alten Femlinde zu Dortmund das Gericht der heiligen Feme geübt haben, ein anderer fiel im Kampf um die Kolonisation des Ostens im Baltenlande. Ein Bodelschwingh fiel im Kampf gegen die Türken; ein anderer wird lobend in den Berichten des Domkapitels zu Mainz erwähnt. Eine Friederike von Bodelschwingh hatte in Elberfeld viel um ihres evangelischen Bekenntnisses willen zu leiden.

Zuallertiefst istHeimat die Verbundenheit mit dem Gott, der die irdische Ffeimat gab und das Leben der Geschlechter, der durch Jesus Christus aus der irdischen Heimat eine Herberge macht und mit ewigem Band den Menschen an die obere Heimat bindet. Das alles zusammen ist Bodelschwinghs Heimat. Weil er die ewige Heimat kannte, wußte er den Wert der irdischen zu schätzen; denn er kannte den tiefen Zusammenhang zwischen beiden.

Aus den Erzählungen des Vaters wußte Bodelschwingh noch etwas von der französischen Besatzung Westfalens. Der Vater, Ernst von Bodelschwingh, hatte die Zeit der Erniedrigung Preußens erlebt. Der 18jährige Student kämpfte als Jägerleutnant die Schlachten bei Groß-Gör- schen, Bautzen, an der Katzbach und bei Leipzig mit. In den Verfolgungskämpfen wurde er bei Freiberg schwer verwundet; dicht oberhalb des Herzens durchbohrte ein Schuß die Lunge. Durch eine gnädige Fügung kam der Schwerverwundete in das kleine Städtchen Lauchstädt, wo er dem Stadtschreiber einige Tage vorher beim Ausfüllen der Quartierzettel geholfen hatte. Der nahm den Todwunden in sein Haus. Rührend sorgte sein Bursche für ihn. Da für den Verwundeten wegen seiner Länge kein Bett zu beschaffen war, bettete man ihn auf die Erde. Am Fußende hatte der Bursche sein Lager und meinte: „Herr Leutnant, wenn Sie etwas brauchen, dann treten Sie nur!" Die Wunde heilte, aber der Kranke blieb siech. Es war wieder eine gnädige Fügung, welche die Wunde zum Aufbrechen brachte, als der Kranke beim Besuch der Mutter, die herbeigeeilt war, in Erregung geriet. Uniformfetzen, die die Heilung verhindert hatten, kamen zum Vorschein, und nun genas der Verwundete. Kaum genesen, zog er 1815 abermals mit gegen Frankreich. Auf dem Wege zur Truppe lernte er zwei Schwestern aus dem Geschlecht derer von Diest kennen, deren Postkutsche auf der schlechten Straße einen Unfall gehabt hatte. Eine der beiden, Charlotte von Diest, wurde seine Frau. Dieser Ehe entstammt Friedrich von Bodelschwingh.

Als 27jähriger wurdeErnstvonBodelschwingh Landrat des Kreises Tecklenburg in Westfalen. Der Reichsfreiherr vom Stein — vielleicht der größte und charaktervollste Deutsche der damaligen Zeit — hatte dicht bei Velmede, dem Familienbesitz der Bodelschwinghs, in Kappenberg ein Gut. Er war auf den jungen Bodelschwingh aufmerksam geworden und schenkte ihm seine Freundschaft. Dieser Freundschaft verdankte der junge Landrat für sein Leben und sein Amt Entscheidendes. Da in Tecklenburg keine geeignete Wohnung zu finden war, wohnte Ernst von Bodelschwingh dicht bei Tecklenburg, im Haus Mark. Hier wurde Friedrich von Bodelschwingh am 6. März 1831 als das sechste Kind geboren.

Im Elternhaus verlebte er eine glückliche Jugend, in die nur von Zeit zu Zeit wie ein dunkler Schatten schwere Erkrankung des Vaters fiel. Die alte Wunde machte dem Vater immer wieder zu schaffen, mehr als einmal war er dadurch dem Tode nahe. So fiel in die früheste Jugend hinein die Sorge um den geliebten Vater.

In Koblenz, wohin der Vater als Oberpräsident der Rheinprovinz versetzt war, wurde der Lebens- und Spielraum für die Kinder noch weiter, besonders dadurch, daß der Vater dicht am Ufer des Rheins einen kleinen Garten kaufte. Ein wunderbarer Tummelplatz für die Kinder und zugleich für sie eine Stätte der ersten Arbeit; sie durften im Garten mithelfen. In diese Zeit fällt ein bemerkenswertes Kindheitserlebnis: Nach Kinderart kletterten die Kinder oft genug über die Gartenmauer, bis der Vater es ihnen eines Tages verbot, damit nicht Fremde es nachmachten. Die Kinder sollten ordentlich durch die Tür gehen und abschließen. Eines Tages war Fritz beim Mittagessen nicht da. Die Kinder waren nach Hause gegangen in der Meinung, er sei schon längst voran; er aber saß ganz oben in einem Kirschbaum, und als er entdeckte, daß die anderen fort waren, war die Tür zugeschlossen. Der Weg über die Mauer war möglich und früher oft genug gemacht, aber der Vater hatte es verboten. Zu Hause suchte man den Jungen, glaubte schon, er wäre in den Rhein gefallen oder ihm sonst ein Unglück zugestoßen. Er aber war vor Müdigkeit undTränen in der Gartenlaube eingeschlafen. Auf den Gedanken, ihn im Garten zu suchen, kam niemand. Schließlich entdeckte ihn der Vater. Er mußte ihn auf wecken: „Mein Sohn, wie konntest du uns das antun?" Der Junge antwortete, in Tränen aufgelöst: „Vater, du hattest doch verboten, über die Mauer zu klettern.“ — Wer einem Vaterwort gehorchen kann, lernt wohl auch einmal, Gottes Wort zu gehorchen.

In Koblenz fing der erste Schulunterricht an, teils von Privatlehrern erteilt, teils in der Bürgerschule. Als der Vater 1842 zum Leiter des Finanzministeriums in Berlin berufen wurde, besuchte Bodelschwingh das Joachims- talsche und später das Friedrich-Wilhelm-Gym- nasium. Hier gehörte er mit zu den Spielgefährten, die vom königlichen Hause für den Kronprinzen Friedrich, den nachmaligen Kaiser Friedrich, ausgesucht wurden. So kam er früh in eine Verbindung mit dem königlichen Hause und in warmherzige Freundschaft mit seinem königlichen Spielgefährten. Sie hat zeitlebens gedauert. Reiten, Fechten, Schwimmen, Wandern war in dieser Zeit der gesunde Ausgleich gegen die tüchtige Lernarbeit in der Schule, die er 1849 verließ.

Da der Vater im Revolutionsjahr entlassen wurde und sich auf das Stammgut Velmede zurückzog, machte Bodelschwingh die Abschluß-



Prüfung in Dortmund. Jetzt erhob sich die Frage nach dem Beruf. Zunächst studierte Bodel- schwingh Physik und Botanik, beides hatte ihm immer Freude gemacht. Bald aber entschloß er sich, mit Einwilligung seines Vaters, zum Beruf des Landwirtes. Der Vater selbst brachte den Sohn auf das Gut Kienitz im Oderbruch. Es war kein leichter Dienst als Eleve. Früh um fünf Uhr standen Inspektoren und Eleven vor dem Lehrherrn. Der junge Koppe hatte Bodelschwingh mit einiger Besorgnis angenommen: einen Eleven mit dem Zeugnis der Reife und einigen Semestern Studium hatte er noch nicht gehabt. Er fürchtete, der „Neue" würde die schwere Arbeit scheuen, und war heilfroh, als Bodelschwingh wie er die Ochsengespanne pflügen sah, erklärte, er wolle das auch lernen. So ging er denn an diese schwere körperliche Arbeit. Der bei der Trockenheit harte, lehmige Boden des Oderbruchs warf beim Pflügen große Schollen. Einige Ochsen hatten schwer zu ziehen, um den Boden aufzubrechen. Sie wurden um die Mittagszeit durch andere ersetzt, der Pflüger aber blieb draußen. Die Knöchel schmerzten, die Haut brannte; aber Bodelschwingh hielt seine vier Wochen durch. Auch alle andere Arbeit machte er mit. Er säte Korn, obwohl das schwere Saattuch mit seiner Kornlast ihm die Schultern wund rieb und er dabei ganz lahm wurde. Er half dreschen—damals wurde noch mit dem Flegel gedroschen —, Weidenköpfen, Rübensäen und verziehen, Klee und Heu ernten. Keine Arbeit blieb ihm fremd. So lernte er die schwere Bauern

arbeit achten und verstand zu schätzen, was sie wert war, was ein Mann leisten kann und was nicht. Daneben hatte er die Aufsicht über die Ställe und mußte mit peinlicher Sorgfalt die Bücher führen.

Neben aller körperlichen Arbeit ließ er seinen Geist nicht rasten. Als er Kolonnen von Arbeitern beim Hacken und Jäten zu beaufsichtigen hatte, zog er oft irgendein Buch, das er mitgenommen hatte, aus der Tasche und lernte beim Hin- und Hergehen manches schöne Gedicht auswendig.

Seine Soldatenzeit verging rasch, schneller als er und seine Familie es dachten. Beim Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiment war er 1851 eingetreten. Da er beim Manöver durch Erkältung sich eine Lungenkrankheit zuzog, wurde er nach kurzer Dienstzeit als „ein mit der Muskete ausgebildeter Halbinvalide" für dienstuntauglich erklärt und entlassen. So kehrte er zur Landwirtschaft zurück, aber nicht nach Kienitz, sondern nach Gramenz in Hinterpommern. Hier hatte ein Herr von Senfft große Güter. Mit dessen Neffen, Ernst von Senfft, war er freundschaftlich verbunden, mit ihm zusammen bewirtschaftete er den gesamten Grundbesitz. In einem Brief an den Vater vom Himmelfahrtstage 1852 schilderte er ausführlich seine Erfahrungen und seine Arbeit. Bodelschwingh hat sich nicht nur um das Land und die Wirtschaft, sondern vor allen Dingen um die Menschen, besonders die Tagelöhner gekümmert. Ein großer Teil von ihnen war durch falsche Be

handlung unter rohen Inspektorenhänden verkümmert und verkommen. Leider hatte die falsche Art der Wirtschaftsführung durch denBe- sitzer selbst viel zu diesem Elend beigetragen. Der alte Herr von Senfft litt an einer regelrechten Landgier. So kam es immer wieder vor, daß er seine bisherigen Pächter aus ihren alten Wohnstätten hinaustrieb, ihnen das Land nahm und sie auf den Stand der Tagelöhner herunterdrückte. Da sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, andererseits mit dem kleinenVerdienst nicht zu wirtschaften verstanden, ergaben sich viele dem falschen Tröster, dem Branntwein. Dadurch wurde das Elend erst recht schlimm. Das Deputat an Kartoffeln und Getreide, das sie erhielten, verkauften sie, und nicht lange danach litten sie Hunger. Der Besitzer wußte von diesem Elend nichts oder sah es nicht, die Inspektoren kümmerten sich nicht darum. Bodel- schwingh lernte es kennen,indem erindieHüttenderLeuteging.

Er schrieb dem Vater, daß er, um wirklich zu helfen, sich auf das genaueste um die Familienverhältnisse der Leute kümmern müsse und in vielen Familien förmlich die Haushaltung führe. Zu seinem Erstaunen merkte er, daß die Leute an ihn so anhänglich wurden, daß er sich fast täglich der Ausbrüche ihrer Dankbarkeit erwehren mußte, obwohl er durch die Uebernahme des Haushalts den Familienvater und die Mutter beinahe entrechtete. So verschaffte er ihnen statt des teuren Roggens die billigere Gerste und Kartoffeln, gab ihnen den Tagelohn wöchentlich statt viertel jährlich und maß manchen sogar das Mehl für die Suppe zu. Er schreibt: „Ich hielt mich notgedrungen beständig im Zusammenhang mit den Speisekammern fast sämtlicher Leute; die Vorräte an Mehl, Kartoffeln, Salz und Milch muß ich stets im Gedächtnis haben; es ist im eigentlichen Sinn des Wortes meine eigene Haushaltung."

Den Segen für diese Arbeit erkannte Bodel- schwingh selbst darin, daß er in stetem Zusammenhang mit so großer Armut mit seinem eigenen Lose recht von Herzen zufrieden sein konnte.

Hatte Bodelschwingh schon hier kennengelernt, daß nur der persönliche Einsatz und das Vertrauen von Mensch zu Mensch wirklich Hilfe bringt, so erlebte er zur selben Zeit, daß man m i t Geld nicht helfen kann. Er hatte im ersten Jahre seiner Gramenzer Arbeit von dem alten Herrn Senfft 100 Taler geschenkt erhalten mit dem Auftrag, sie zum Besten der Armen zu verwenden. Er fand eines Tages auf einem Vorwerk eine Hütte, in der ein Ehepaar wohnte, das sich selber mit Branntwein über seine elende Lage hinwegzutäuschen versuchte. Mann und Frau tranken, und den Kindern gaben sie auch davon. Bei seinem Eintritt sah er auf dem Boden eine Leiche liegen. Es war die Leiche der Frau. Wie er davorstand, bewegte sich plötzlich die Decke, und auf jeder Seite guckte einKinderkopf unter der Decke hervor. Sie verschwanden aber sofort wieder; denn es war kalt und in der Wohnung kein Feuer. Hier schenkte Bodelschwingh

Roggen, Kleider und Feuerung, um zu helfen. In anderen Häusern, wo ebenfalls der Branntwein herrschte, versuchte er es gleichfalls durch Gewährung von Lebensmitteln und Kleidung, die er ihnen schenkte. Seine 100 Taler waren jedoch bald ausgegeben, und er mußte die ihn sehr betrübende Erfahrung machen, daß die Unterstützten den Roggen und die Kleidung wieder verkauften, um Geld für Branntwein zu haben. Er sagte selbst: „Diese Lehre war mir nicht zum

Schaden; denn ich lernte,daß mit bloßen menschlichen Künsten der Gutmütigkeit gegen menschliches Elend und gegen die Sünde, aus der das Elend stammt, nichts auszurichten ist."

Im Kampf gegen den Branntwein fand Bodelschwingh bei seinem Lehrherrn darin eine starke Hilfe, daß er bei den Erntefesten alle Trinkereien und Tanzereien streng untersagte. Hier hat er gelernt, daß man das Schlechte am wirksamsten dadurch bekämpft, daß man Gutes an seine Stelle setzt. So wurden am Erntedankfest fröhliche Volksfeste gefeiert, die für die Großen und die Kleinen ein rechter Freudentag waren. Im Walde wurde unter Buchen und Eichen Kaffee getrunken und dazu Körbe voll Kuchen und Obst verzehrt. Hinterher folgten Spiele und Gesänge für alle. Mit Gebet und Lied schloß das Fest.

In die Gramenzer Zeit fiel der Tod des Vaters Ernst von Bodelschwingh. Der König hatte- ihn 1852 zum Regierungspräsidenten von Arnsberg ernannt. Hier entstand zwei Jahre später als Folge einer Mißernte eine Hungersnot. Ernst von Bodelschwingh, von jeher gewohnt, mit eigenen Augen zu sehen, hatte sich selbst in das am meisten bedrohte Wittgensteiner Land aufgemacht, um in den Ortschaften und Hütten der Aermsten nach dem Rechten zu sehen und zu prüfen, wie man am besten Abhilfe schaffen könnte. In dem kleinen Städtchen Medebach durchnäßte ihn ein Regenschauer und warf ihn aufs Krankenlager. Seine Frau konnte noch kommen und die letzten Tage mit ihm verleben. Dann machte ein plötzlicher Lungenschlag seinem Leben ein Ende, kaum daß die Eltern noch Zeit hatten, voneinander Abschied zu nehmen. Zum Begräbnis kam Friedrich zu spät. Die Post nach Pommern und die Fahrt in die Heimat dauerten viel zu lange. Bei seiner Ankunft fand er den Vater nicht mehr, nur noch sein Grab.

Trotz des schweren Verlustes brachte diese Reise ihm und den Geschwistern reichen Gewinn. Sie waren alle zusammengekommen, und in diesen acht Tagen des Zusammenseins schlossen sie sich gegenseitig ihre Herzen auf wie nie zuvor. Sie entdeckten, daß sie innerlich auf dem gleichen Wege waren. Es war ihnen allen, als käme über das Grab hinweg aus der Ewigkeit der Segen des Vaters, den er ihnen im Leben nicht mehr hatte geben können.

Berufung

„Wir sollen fröhliche Lobsänger werden."



Ehe die zarten Halmspitzen aus dem Boden sprießen, hat unter der Erde in geheimnisvoller

Verborgenheit ihr Leben angefangen, es war nur nicht zu sehen. Es ist mit dem Leben, das aus Gottes Wort und Geist kommt, nicht anders. Wenn ein Mensch sich dieses Lebens bewußt wird, muß er zu seiner eigenen Verwunderung feststellen: es hat längst angefangen. Wer es unternimmt, nachzuforschen, wann und wie es begonnen hat, der sieht sein früheres Leben in einer ganz neuen Beleuchtung, fast kennt er es selbst nicht wieder. Bisherige nebensächliche, fast vergessene oder kaum beachtete Erlebnisse enthüllen ihre tiefe Bedeutung, bisher für höchst wichtig angesehene Ereignisse verlieren ihren Sinn und werden fast bedeutungslos. Niemals aber kommen wir auch bei solchem Nachforschen bis zu den letzten Quellen. Wie der Anfang jedes Lebens, so ist auch der Anfang des Lebens aus Gott ein Geheimnis.

Ehe Friedrich von Bodelschwingh das Licht der Welt erblickte, hatte Gott angefangen, sich in ihm ein Werkzeug zuzubereiten. Es ist eine Wirklichkeit um das, was man vorgeburtliche Erziehung nennt, eigentlich auch etwas ganz Einleuchtendes. Bodelschwinghs Eltern hatten sich damals innerlich gänzlich von dem öden Vernunftglauben ihrer Zeit gelöst. Sie waren in den frischen Geistesfrühling hineinge- kommen, der hier und da in Westfalen hereinbrach. Zwar noch nicht in Tecklenburg selbst, dicht dabei aber waren in Lengerich und Ledde zwei Kanzeln, von denen hell und klar das lautere Evangelium erklang. Auf der einen stand der feurige Pastor Walter und auf der ande

ren der stillere, aber dafür tiefere Pastor S m e n d. Zu ihren Kirchenbesuchern gehörten Bodelschwinghs Eltern fast regelmäßig. Sie scheuten den weiten Weg von über eine Stunde nicht. Im Herzen der Mutter war um diese Zeit ein besonderes Klingen, das nicht allein von der Freude auf das erwartete Kind kam. An dem Sonntag, an dem Friedrich geboren wurde, war sie allein zu Hause. Ihr Mann war in der Kirche und ihre Leute auch. Um die Zeit des Gottesdienstes las sie eine Predigt von Hofacker und tat dann noch einmal das, was sie schon mehrmals getan hatte: sie weihte das zu erwartende Kind zum Eigentum und Dienst des Herrn. Am Abend des Sonntags hielt sie das Neugeborene in ihren Armen.

Viel später erst hat Friedrich von Bodel- schwingh das erfahren. Nie hat die Mutter mit ihrem Sohn darüber gesprochen, auch dann nicht, als es sich darum handelte, für ihn einen Beruf zu erwählen und den Lebensweg zu bestimmen. Erst als Bodelschwingh selbst sich später entschlossen hatte, Missionar zu werden, gestand sie es ihm zugleich auch, daß das der heimliche Wunsch seines Vaters gewesen war, der die Erfüllung seines Wunsches mit irdischen Augen nicht mehr gesehen hat.

Heimlich und doch stark sind die Fäden, mit denen der lebendige Gott einen Menschen in seine Gewalt zieht. Was Frömmigkeit und christliches Leben ist, hatte Bodelschwingh im Elternhause in schönster Art und reichlich erfahren. In frühester Jugend, noch in Koblenz, erlebte Bo-




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2 Bodelschwingh

delschwingh eine schwere Krankheit des Vaters. Alle Kinder hatten noch zur Nachtzeit vom Vater Abschied genommen, die Aerzte hatten ihn aufgegeben, da — so hat die Mutter später erzählt — bat sie Gott um ein ganz gehorsames Herz, mit dem sie sagen könnte: „DeinWille geschehe!" Es ward ihr geschenkt und— die Genesung des Mannes dazu. Glückstrahlend konnte sie am nächsten Morgen den Kindern sagen: „Der Vater wird wieder besser." Was für ein Erbteil für ein Kind, wenn es erfährt: Wir haben einen Gott, der das Gebet unserer Mutter erhört!

Die Zeit der Genesung war für die Kinder eine Freudenzeit. Sie durften an Vaters Bett sitzen. Aus einem kleinen Büchlein lehrte er sie lesen, einfache Schriftsätze, die aber wegen ihres Inhaltes bedeutungsvoll waren. Einer der Sätze lautete: „Mein Kind, Gott ist sehr gut, er hat dich sehr lieb.“ — Das hatte Bodelschwingh an der Genesung des Vaters mit allen seinen Geschwistern soeben praktisch erfahren.

Von der Mutter lernten die Kinder ihre Gebete. Auch in Berlin, wo sie als Frau des Ministers neben der häuslichen noch viele andere Pflichten hatte, versäumte sie das Gebet mit den Kindern nie, ebensowenig der Vater seine Abendandacht mit der Familie, selbst dann nicht, wenn er zu Abendgesellschaften an den königlichen Hof geladen war.

Die Konfirmandenstunden in Unna, wo Bodelschwingh, weil er älter war als die anderen Konfirmanden, allein unterrichtet wurde, hatten unverlöschlichen Eindruck auf ihn ge

macht, mehr, so sagte er später, als die Konfirmationsfeier selbst. Was da von den Eltern ins Herz gepflanzt war, wuchs weiter.

In seiner Berliner Gymnasiastenzeit hatte Bo- delschwingh einen Freund namens Bossart. Dem waren schwere Zweifel an der Güte Gottes aufgestiegen. Es handelte sich um die alte Frage: Wie verträgt sich Gottes ewiges Gericht mit seiner ewigen Gnade? Bossart vertraute sich Bodel- schwingh an. Der antwortete ihm — sie standen abends unter einem klaren Sternenhimmel beisammen — wie aus einer Erleuchtung heraus: „Es ist beides unfaßlich, die Endlichkeit und die Unendlichkeit des Himmelsraumes. Wenn ich an das Ende käme, was würde ich da erblicken? So ist es mit dem Fragen nach dem ewigen Gericht und der ewigen Gnade auch; beide lassen sich nicht zu Ende denken. Es ist dem menschlichen Denken eine Grenze gesetzt, über die es nicht hinaus kann. Hier fängt der Glaube an, der, auch wenn er die letzten Tiefen nicht ergründen kann, Gott vertraut." — Solcher Glaube brauchte allerdings erst noch seine praktische Bewährung. Sie wurde Bodelschwingh auferlegt.

Auf Bodelschwinghs Lehrstelle in Kienitz war es mit dem christlichen Leben und dem Kirchgang schlecht bestellt. Teilweise lag es an dem dortigen Pastor. Es hatten aber die jungen Eleven dafür auch kaum Verständnis. Es geschah Bodelschwingh öfter, daß er um seines Kirchganges willen ausgelacht wurde. Er besuchte nicht mehr sonntäglich den Gottesdienst. Von Zeit zu Zeit aber ging er doch, „aus Trotz", wie

er später sagte; doch fühlte er wohl, so war es nicht das Rechte.

Ganz anders war es in dieser Beziehung in Gramenz, wo ein wackerer Pastor Diekmann in einer kirchlich gesinnten Gemeinde arbeitete, und wo er mit seinem gleichgesinnten Freunde Ernst von Senfft sich gut stand. Die schwere Verantwortung für den gesamten Besitz, die großen Spannungen zwischen Pächtern und Gutsherr, und auch zwischen ihnen beiden und dem Gutsherrn selber, lagen immer wieder schwer auf ihrer Seele. So kam es vor, daß die Freunde zueinander sagten: „Wir müssen beten, sonst sind wir verloren."

Die nachhaltige Wirkung ging von dem Tode des Vaters aus und vom Zusammensein mit den Geschwistern in der Woche nach dessen Tode. Die Schwestern werden da erzählt haben, daß sie ihre Mutter an der Leiche des Vaters an trafen mit verklärtem Gesicht und ohne Tränen. Auf die erstaunte Frage: „Mutter, du weinst ja nicht?" kam die Antwort: „Wie soll ich weinen, da Gott ihn mir 28 Jahre lang gelassen hat und wir so unbeschreiblich glücklich miteinander gewesen sind?" Hier erlebte er bei seiner Mutter die Kraft des Glaubens, die über Sterben und Tod hinweghilft.

In Gramenz rang er sich jetzt zu einem persönlichen Gebets leben durch. Bei einem Sturz vom Pferde war Bodelschwingh wunderbar bewahrt geblieben, er hatte nur lange bewußtlos neben dem Tier, das stehengeblieben war, auf der Erde gelegen. Manches Mal in seiner Bedrängnis zog es ihn an dieselbe Stelle, die ganz einsam lag. Dort schrie er um Hilfe. Die Leitung und Aufsicht über die zwölf Inspektoren, die ganze Verantwortung für den Betrieb erforderten täglich neue Kraft, und Bodel- schwingh fühlte, daß er sie nicht besaß. Eine andere Hilfe leistete ihm ein alter Posthalter, Otto Mellin in Gramenz, der früher Inspektor gewesen war. Er war ein stiller, freundlicher Mann, der bei der Beförderung der Briefe Gelegenheit hatte, mit dem und jenem Freud und Leid zu besprechen. Er war eigentlich der stille Seelsorger in Gramenz und leistete den Dienst, den Pastor Diekmann in seiner herberen Art nicht leisten konnte. Auch für Bodelschwingh wurde er der Seelsorger. Manches Mal zog der alte Mellin ihn in das kleine Stübchen hinter dem Postzimmer und schlug ihm eine Bibelstelle auf, die Stärkung und Zuversicht für die besondere Lage verhieß.

Bodelschwingh spürte immer mehr, e r brauchte die Stille, aber er hatte sie nicht. So war aus seiner Sehnsucht nach Stille allmählich ein Gebet um Stille geworden. Sein Gebet wurde erhört. An und für sich hätten die Sonntage auf dem Lande Gelegenheit zur Stille geboten, aber an den Nachmittagen fand sich alles zusammen bei Spiel, Scherz und Kegelschieben; davon konnte sich Bodelschwingh nicht ausschließen. Da kam ihm ein Unglücksfall zu Hilfe. Sein Pferd, das einige Tage gestanden hatte und übermütig geworden war, überschlug sich, als er aufstieg, und er kam unter das Pferd zu liegen. Auch hier wurde er bewahrt, er trug aber eine starke Quetschung und eine Verletzung des Knochens am rechten Unterarm davon, so daß er den Arm in der Binde tragen mußte. Mit dem Kegelschieben war es vorbei. Hinfort hatte er seinen stillen Sonntagnachmittag.

Er nützte ihn aus, indem er viel im Neuen Testament las. Er hatte die Freude, daß ihm jetzt aus dem Lesen die Kraft zufloß, die er brauchte. Das Lesen im Neuen Testament wurde ihm so sehr Bedürfnis, daß er morgens eine Viertelstunde früher aufstand, um allein seine Morgenandacht zu halten. Damit war er wieder zu Hause, zurückversetzt in die Zeit, in der der heimgegangene Vater mit seiner Familie Andacht gehalten hatte. „Wo der Himmel über uns geöffnet ist, da wird die Fremde zur Heimat", hat er später einmal gesagt. Er hatte es an sich selbst erfahren.

Die Berufung für seinen eigentlichen Beruf empfing Bodelschwingh an einem der stillen Sonntagnachmittage, wie er sie nach seinem Unfall hatte. Was für eigenartige Mittel und Wege müssen manchmal dem lebendigen Gott zum Zweck der Berufung dienen: Bei einem Aufstand in China wurde ein Chinese, der denEngländern Kundschafterdienste geleistet hatte, gefangen und hingerichtet. Um das verwaiste Kind des Kundschafters zu retten, das als Verrätersohn verloren gewesen wäre, nahmen die englischen Soldaten es mit in ihre Heimat und brachten es bei christlich gesinnten Leuten unter. Hier erhielt der Knabe Unterricht und wurde Christ. Es zog ihn nun mit aller Kraft zurück in sein Vaterland; er wollte um jeden Preis die Botschaft von Jesus Christus seinen Landsleuten bringen. Er meinte: „Was soll ich am Tage des Gerichts sagen, wenn meine Brüder mich fragen würden, warum ich ihnen den Weg des Heils nicht mitgeteilt hätte,obwohl ich ihn gewußt?" Da er in dem ungewohnten Klima schnell dahinsiechte, konnte er diesen Dienst nicht ausrichten. Die Baseler Missionsgesellschaft hatte das Leben dieses Chinesenknaben, T s c h i n hieß er, um dieser Antwortwillen in einem kleinenTraktat geschildert. Das war an und für sich nichts Besonderes; aber daß dieser Traktat auch in die Hand des Kolporteurs kam, den der alte Herr v. Senfft angestellt hatte, und daß wiederum Bodelschwingh dieses Heft in die Hand bekam, war das Eigenartige. Bodelschwingh hatte eine Reihe solcher Traktate bei sich, um sie den fleißigen Kindern, die ihm auf den Zuckerrübenfeldern halfen, zu schenken. Gelesen hatte er keinen von ihnen, er hatte sie nur verteilt. An einem Nachmittag fielen ihm diese Traktate in die Hand, er nahm einen, um ihn zu lesen, und gerade den, in dem das Schicksal des Chinesenjungen Tschin erzählt wird. Die Frage: „Was soll ich einmal meinen Brüdern sagen, wenn sie mich fragen, warum ich ihnen den Weg des Heils nicht gezeigt habe?" fiel tief in sein Herz. Von dem Augenblick an wußte er: Du mußt Missionar werden. — Es war das selige Wissen, das immer von oben geschenkt wird. Hier hörte Bodelschwingh den Ruf,

gegen den es nie einen Widerspruch geben darf, wenn der Mensch nicht todunglücklich werden will, den Ruf, der ihn herausriß aus dem bisherigen Leben. Aeußerlich gesehen wurde er weit zurückgeworfen; denn die Jahre der landwirtschaftlichen Lehre schienen umsonst, aber es sollte sich noch heraussteilen, daß sie nicht vergeblich waren; im Gegenteil, das bisher gelebte Leben war die geeignetste Vorbereitung für den besonderen Dienst, an den Bodelschwingh noch gestellt wurde.

Keinem Menschen vertraute Bodelschwingh sein Geheimnis an, er wartete noch. D a k a m derRufzumzweitenMale. Auf einem Ritt ins Nachbardorf, wo er Arbeiter für die Ernte anzuwerben hatte, kam er durch das Städtchen Bublitz. In der Kirche feierte man Missionsfest. Er band sein Pferd an den Baum und trat ein. Er hörte schnell heraus, daß der Missionar über den Text predigte: „Die Ernte ist groß, aber wenig sind der Arbeiter." Am Schluß seiner Predigt fragte der Missionar in die Gemeinde hinein, ob denn nicht einer da wäre, der zu solchem Dienst im Weinberge des Herrn Lust hätte. Da wußte Bodelschwingh: Jetzt bist du ein zweites Mal gefragt, und sein Herz gab laut dieAntwort: „Ja, ja, ich will gern kommen."

Als das Einbringen der Ernte beendet war, packte er noch in der Nacht des 11. Oktober 1852 seine Sachen und reiste nach Hause. Beim Einpacken schlug er den alten Bogatzky auf, das Andachtsbuch seiner Eltern, und fand für diesen

Tag das Wort: Apostelgeschichte 26, 17—18: „Ich will dich erretten von dem Volk und von den Heiden, unter welche ich dich jetzt sende." Diese Verheißung war ihm wie eine Antwort Gottes auf sein „Ja" und machte ihn fröhlich.

Zubereitung

„Ist man ein Freiwilliger des Herrn geworden, dann hört das Schwanken auf dem Wege auf."

Wenn ein Mensch in schlichtem Gehorsam zu dem ihm von Gott gewiesenen Wege ein „Ja" gesagt hat, dann macht er die Erfahrung, daß er seine Lebensführung aus der Hand gegeben und ein Größerer sie in die Hand genommen hat. Zwar geht es durchaus nicht so in allen Dingen, wie man es sich ausgemalt und gedacht hat; der Weg ist viel reicher und herrlicher. Missionar ist Bodelschwingh nicht geworden, Gott hat ihn in eine andere Arbeit gestellt und ihn in einer eigenartigen Weise für diese Arbeit ausgerüstet. Bodelschwingh ist diesen anderenWeg auch im Gehorsam gegangen und hat dann sogar noch die Erfüllung seines Herzenswunsches erleben dürfen. Es wurde ihm nicht nur, wie einem Missionar, eine Missionsstation anvertraut, sondern ein ganzes Missionsfeld.

Der Traktat über den Chinesenjungen Tschin, der Domprediger Hofmann, ein früherer Missionsinspektor der Baseler Mission und Bodel- schwinghs eigene Neigung führten ihn zum Studium der Theologie nach Basel. In der Universität, noch mehr aber im Missionshaus, wo er

am Unterricht der Missionszöglinge teilnahm, fühlte er sich schnell heimisch. Er wurde immer wieder so geführt, daß er in den Kreis von Männern kam, die auf dem Grunde des ganzen Evangeliums standen. In Basel wirkte damals der Professor Auberlen. Er war von einigen frommen Männern nach Basel gerufen worden, die sich zur Aufgabe gemacht hatten, aus eigenen Mitteln dafür zu sorgen, daß ein Mann an der Universität war, der das ganze Wort der Bibel stehenließ. Von dieser Baseler Zeit schreibt Bodelschwingh selbst, daß er am Abend oft vor lauter Freude über alles Erlebte nicht einschlafen konnte.

Gleich am ersten Tage seines Baseler Aufenthaltes schaute Bodelschwingh hinein in die verborgenen Kraftquellen der Mission, wie sie zu vielen Tausenden im stillen fließen, oft da, wo niemand sie vermutet. Seine Wirtinnen hatten ein Mädchen aus Württemberg, die auch Bodel- schwinghs Zimmer besorgte. Sie hatte einen Missionar zum Schwager und erfuhr von ihm alle Ereignisse von dessen Missionsstation. Sie trug alles mit, und wenn einmal Trauriges geschehen war, dann machte sie sich selbst Vorwürfe, daß sie nicht treu gewesen sei im Wachen und Beten.

Im Baseler Missionshaus lernte Bodelschwingh einen jungen Kandidaten Haug kennen, der fast blind gewesen war. Als er eines Tages mit ihm spazierenging, sagte der Kandidat plötzlich: „Heute vor vier Jahren habe ich mein Augenlicht wiederbekommen, auf das

Gebet des alten Pfarrers Blumhardt." So wurde Bodelschwingh mit Blumhardt bekannt und hörte, daß Gott auf solche Weise noch heute sich als der Lebendige und Allmächtige bezeugt. Trotzdem spürte Bodelschwingh, als er nach eineinhalb Jahren in Stuttgart und ganz in der Nähe von Bad Boll war, kein Verlangen, Blumhardt aufzusuchen. Ein Regenschauer zwang ihn aber, unterwegs Zuflucht zu suchen, und so kam er doch nach Bad Boll und zu Blumhardt. Dieser nahm sich Bodelschwinghs, der ganz durchnäßt war, auf das freundlichste an. Es dauerte nicht lange, da schüttete Bodelschwingh ihm sein ganzes Herz aus, und bis an ihr Lebensende sind beide miteinander gute Freunde geblieben. Es ist eben Gottes Art, dafür zu sorgen, daß seine Kinder nicht in der Vereinzelung bleiben, sondern zu gegenseitigem Gewinn immer zueinander geführt werden.

Neben dem Besuch der Vorlesungen suchte Bodelschwingh den Verkehr mit seinen Lehrern, besprach sich mit ihnen und legte das Besprochene schriftlich nieder. Auf diese Weise blickte er mehr als andere hinein in die Welt der Wissenschaft und des Glaubenslebens anderer und lernte auch hier Entscheidendes.




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