Zum Thema Affekt in der Psychoanalyse – einige lose Enden


Der strukturelle Gesichtspunkt: Automatischer Affekt versus Signalaffekt



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Der strukturelle Gesichtspunkt: Automatischer Affekt versus Signalaffekt

Diese Begriffe klingen etwas merkwürdig für unser Ohr. Wir kennen sie als automatische Angst und Signalangst.

Wie bereits erwähnt führt Freud die Entwicklung des Modells der psychischen Instanzen konsequenter Weise auch zu einer neuen Angsttheorie. Er distanziert sich von der ursprünglichen Auffassung, wonach sich verdrängte Libido automatisch in Angst verwandelt und gibt dem Ich die wesentliche Rolle in diesem Prozeß, womit er die Bedeutung dieser Instanz im innerseelischen Kräfteverhältnis überhaupt aufwertet. Freud:

„Wir stellen uns das Ich so gerne als ohnmächtig gegen das Es vor, aber wenn es sich gegen einen Triebvorgang im Es sträubt, so braucht es bloß ein Unlustsignal zu geben, um seine Absicht durch die Hilfe der beinahe allmächtigen Instanz des Lustprinzips zu erreichen.“(GW XIV, S. 119).

Das Ich gibt demnach das Angst-Signal, um größere Unlust zu vermeiden.

„Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahrsituation; sie wird dadurch erspart, daß das Ich etwas tut, um die Situation zu vermeiden oder sich ihr zu entziehen.“ (GW XIV, S. 159).

Die Ich-Signal-Angst ist jedoch eine hoch strukturierte Angst, die einen gereiften psychischen Apparat voraussetzt. Die traumatischen Neurosen und die Aktualneurosen nötigten Freud, von der Signal-Angst eine Angst zu unterscheiden, die rein ökonomischen Bedingungen gehorcht, eben die automatische Angst. Beide, sowohl die automatische als auch die Signal-Angst, brauchen ein Vorbild, nach dem sie sich reproduzieren. Die automatische Angst reproduziert sich, wenn die ökonomischen Bedingungen die gleichen sind wie bei einem postulierten Vorbild, etwa dem Geburtstrauma, die Signal-Angst reproduziert das Erinnerungsbild mit ökonomisch kleineren Dosen, um die Gefahrensituation zu vermeiden.

Freud sieht hier explizit keine Sonderstellung für die Angst. Sie hat nur deswegen die besondere Aufmerksamkeit der Psychoanalyse, weil der Angstaffekt eine bevorzugte Stellung bei der Entstehung der Neurosen hat. Freud schreibt also:

„Wir haben damit nichts behauptet, was der Angst eine Ausnahmestellung unter den Affektzuständen einräumen würde.“( GW XIV, S. 163f).

Die Affekte stellen nach Freud also entweder automatische Wiederholungen bestimmter ökonomischer Bedingungen dar oder werden als Ich-Signal verwendet. Am offensichtlichsten und oftmals auch erwähnt scheint mir dies für den Fall, daß ein Affekt zu Abwehrzwecken verwendet wird. Fenichel erläutert dies am Beispiel „Ekel“: Ekel wäre demnach in der automatischen Form „Ein archaisches, physiologisches Abwehrsyndrom, das automatisch hervorgerufen wird, sobald irgend etwas Abstoßendes in den Verdauungskanal gerät.“ Die Wandlung zum Ich-Signal-Affekt bedeutet: „Das erstarkte Ich lernt, diesen Reflex für eigene Zwecke zu gebrauchen und verwandelt ihn in eine Abwehr von Sexualität.“ Fenichel unterscheidet davon dann noch eine dritte Form als Sonderfall des Signalaffektes: wenn dem Ich die Steuerung mißlingt, haben wir eine Neurose vor uns, etwa den hysterischen Angstanfall oder neurotische „Ekelanfälle“. Hier wird jeweils das Ich „aufgrund früherer Blockierungen von einem Affekt vollkommen überwältigt ..., den es zur Abwehr nutzen wollte.“ (Alle Zitate: Fenichel 1941, S. 247).

In der Literatur finden sich auch noch andere Verwendungen der Signal-Affekt Theorie. So entwickelt etwa Ulrich Moser eine Signaltheorie der Aggressivität, die mit der Angstsignaltheorie der Psychoanalyse direkt verknüpft ist. Er meint, daß aggressive Emotionen wie Ärger, Zorn, Wut, Haß etc. in derselben Weise wie Angst als innere Signale verwendet werden. Dazu müsse allerdings das affektive Erleben überhaupt den Entwicklungsstand eines inneren Meldesystems, eben eines Signalsystems, erreicht haben. Bei neurotischen Depressionen etwa sei das aggressive Signalsystem ganz verkümmert.

„Es sind dies Patienten, die ihre aggressiven Impulse nicht spüren, sie infolgedessen auch nicht erkennen und in einen situativen Kontext einordnen können. Entweder zeigen sie aggressives Verhalten und bemerken es nicht (und vermögen es auch nachträglich nicht als solches zu sehen), oder sie reagieren auf Aggression auslösende Umweltstimuli mit einer emotionalen Aktivierung, analysieren sie andersartig und interpretieren sie z.B. als Angstsignale.“(Moser 1978, S. 236).

In analoger Weise gibt es auch Signaltheorien der Depression und auch positiver Affekte wie z.B. dem Sicherheitsgefühl (Vgl. Emde 1999, S. 319).
Mit der Affekttheorie des Ich-Signals gewinnt jedenfalls das Kognitive in Zusammenhang mit der Affektentstehung an Bedeutung.

Affekt versus Kognition oder Denken und Fühlen
Spätestens mit der zweiten Angsttheorie stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen Affekt und Denken. Die diesbezügliche, innerhalb wie außerhalb der Psychoanalyse überaus vielschichtige und umfangreiche Diskussion, kann hier natürlich nur angedeutet werden.

Ich möchte dazu drei Perspektiven unterscheiden, aus denen dieses Verhältnis betrachtet wird:



  • Affekt als Gefährdung des Denkens.

  • Denken als unabdingbarer Bestandteil des Affektes.

  • Affekt als unabdingbarer Bestandteil des Denkens.

Der Affekt als Bedrohung oder Störelement eines unabhängigen, beobachtenden kognitiven Selbst ist die klassische Perspektive des abendländischen Denkens. Nur die Beherrschung bzw. Eliminierung des Affektes gewährleistet effektives, unabhängiges Denken. Obwohl die Psychoanalyse die Vorstellung eines souveränen, denkend-beobachtenden Ich als Illusion betrachtet, bilden in der Sicht der klassischen Metatheorie Affekte, Gefühle und Stimmungen einen polaren Gegensatz zum Denken.


Etwas ausführlicher möchte ich mich der zweiten Perspektive widmen:

Mit der Theorie der Signal-Angst werden Affekt und Denken zumindest sehr eng verbunden. Man kann es auch so sehen, daß damit das eine von dem anderen nicht mehr wirklich zu trennen ist. Am deutlichsten beschreibt Freud in „Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“(1933) das Denken als Teil des Affektes. Darin geht es um die Signal-Angst im Zusammenhang mit der Verdrängung:

„Dann hilft sich das Ich durch eine Technik, die im Grunde mit der des normalen Denkens identisch ist. Das Denken ist ein probeweises Handeln mit kleinen Energiemengen, ähnlich wie die Verschiebungen kleiner Figuren auf der Landkarte, ehe der Feldherr seine Truppenmassen in Bewegung setzt. Das Ich antizipiert also die Befriedigung der bedenklichen Triebregung und erlaubt ihr, die Unlustempfindungen zu Beginn der gefürchteten Gefahrsituation zu reproduzieren. Damit ist der Automatismus des Lust-Unlust-Prinzips ins Spiel gebracht, der nun die Verdrängung der gefährlichen Triebregeung durchführt.“ (Studienausgabe Bd. I, S. 524)

Diese Beschreibung stellt, wie schon ähnliche in „Hemmung, Symptom und Angst“ eine sehr enge Verbindung zwischen Denkprozessen und Affekten her. Max Schur unternimmt 1953 eine Reformulierung des Signalkonzeptes, in der er mehr als nur eine enge Verbindung zwischen Kognition und Affekt behauptet. Er nimmt die soeben zitierte Stelle von Freud zum Ausgangspunkt um zu folgern:

„The implication is that all affects consist on the one hand of a cognitive process and on the other of a response to this process, although the extent of the cognitive component varies with different affects.“(Schur 1969, S. 651)

Ganz ähnlich schreibt Gregory Zilboorg schon 1933, eine Angst bestünde aus drei Komponenten: einem Vorstellungsinhalt, einem Gefühlston und einer motorischen Aktion. Ebenso haben für Bertram Lewin (1965) Affekte immer einen Vorstellungsinhalt, außer bei ganz wenigen, unbedeutenden Ausnahmen.

Alle diese Autoren glauben damit das Problem unbewußter Affekte gelöst zu haben. Danach sei es der gedankliche oder vorstellungsmäßige Anteil, oder allgemeiner bzw. moderner formuliert, der kognitive Teil am Affekt, der verdrängt werden könne. Am weitesten in dieser Reihe Ich-psychologischer Autoren geht meines Erachtens Charles Brenner (1974), indem er seiner wie er sie nennt, „unified theory of affects“ folgende Definition voranstellt:

„I believe that affects, whether pleasurable or unpleasurable, are complex mental phenomena which include (a) sensations of pleasure, unpleasure, or a mixture of the two, and (b) thoughts, memories, wishes, fears - in a word, ideas.“ (S. 535).

Hier ist also der Affekt nur mehr Lust oder Unlust plus der kognitiven Bewertung. Kann man bei Freuds Theorie der Affekte als periphere Abfuhrvorgänge eine Beeinflussung durch James und Lange annehmen, so stand hier offensichtlich die kognitive Theorie von Schachter und Singer Pate11.

Das Problem ist nur, daß man hier glaubt, die ungelösten Fragen bezüglich der Affekte lösen zu können, indem man sie kurzerhand zu kognitiven Bewertungsprozessen erklärt, und kognitive Prozesse sind dabei nichts anderes als Vorgänge der Informationsverarbeitung, welche Denken, Wahrnehmung und Gedächtnis umfassen. Mit „man“ meine ich hier Schachter und Singer und deren Nachfolger, unklar scheint mir, wie weit die zitierten psychoanalytischen Autoren dazuzuzählen sind.


Sehr pointiert stellt sich Andre Green dieser Auffassung entgegen. Er betonte in seinem Vortrag 1999 ausdrücklich, daß man aus seiner Sicht Gefühle und Affekte nicht kognitiv und damit wissenschaftlich erfahren könne. Man könne Kognitionen am Computer simulieren, nicht aber Gefühle. Letztere müsse man ertragen können, um sie zu kennen. Ich denke, man darf gespannt sein, ob das tatsächlich das letzte Wort für die Wissenschaft sein kann. Jedenfalls arbeiten entsprechende Spezialisten schon eifrig daran, dem Computer das Fühlen beizubringen, damit er nicht nur motivationslos bits and bites prozessieren, sondern einem Menschen ähnlich denken könne.
Damit sind wir bei der dritten Perspektive angelangt, für die ich nur einige Gedanken eines Autors am Rande der Psychoanalyse referieren möchte, der den Terminus „Affektlogik“ entscheidend geprägt hat: Luc Ciompi (1982 und 1997). Die doppelte Bedeutung dieses Begriffes, nämlich sowohl „Logik der Affekte“ als auch „Affektivität der Logik“, ist zugleich zentrales Ausgangspostulat seiner Theorie, wonach „... emotionale und kognitive Komponenten – oder Fühlen und Denken, Affekte und Logik, in sämtlichen psychischen Leistungen untrennbar miteinander verbunden sind und gesetzmäßig zusammenwirken.“(Ciompi 1997, S. 46). Wie schon der Titel seines letzten Buches, „Die emotionalen Grundlagen des Denkens“, besagt, sind für ihn die Affekte die entscheidenden Energieliferanten und Motivatoren aller kognitiven Dynamik, sie bestimmen den Fokus der Aufmerksamkeit, regeln den Zugang zu unterschiedlichen Gedächtnisspeichern, schaffen Kontinuität, bestimmen die Hierarchie unserer Denkinhalte und sind wichtige Komplexitätsreduktoren. Dies nennt er Operatorfunktion der Affekte, und Interesse, Angst, Wut, Trauer und Freude, welche fünf die für ihn am besten gesicherten primären Affekte oder Grundaffekte sind, bilden also die Operatoren des Denkens. Dementsprechend existieren affektiv-kognitive Eigenwelten, die sich als Angstlogik, Wutlogik, Trauerlogik, Lust- und Liebeslogik und Interesse- oder Alltagslogik manifestieren. Aus psychoanalytischer Sicht ist es zwar wenig akzeptabel, daß diese Affektlogiken, die Ciompi aus chaostheoretischer Perspektive mittels sogenannter Fraktale mathematisch zu formalisieren versucht, damit relativ geschichts- und strukturlose Systeme sind. Als Modell der Beziehung zwischen Denken und Fühlen halte ich Ciompi’s Ansatz dennoch für sehr interessant.
Die Konzipierung der Affekte als innerpsychische Signale, die sich mit der Einführung des strukturellen Gesichtspunktes ergab, ermöglichte also neue Lösungsansätze für die Probleme im ökonomischen und topischen Gesichtspunkt.

Es gibt aber auch viele Probleme, die nicht innerhalb der klassischen Metapsychologie liegen, sondern sich aus einer ihr gegenüber distanziert kritischen Position ergeben. Zwei davon möchte ich kurz erörtern.


Fehlendes in der klassischen Metapsychologie: die positiven Affekte und die soziale Funktion der Affekte
Rainer Krause hat eine psychoanalytische Krankheitslehre geschrieben, die wesentlich auf empirischer Säuglings- und Affektforschung beruht. Darin nimmt er bezug auf eine Stelle im „Entwurf einer Psychologie“, in der Freud sinngemäß meint, daß Affektäußerungen beim Säugling primär eine Art Sicherheitsventilfunktion haben, um unlustvolle Triebspannungen loszuwerden, und daß diese Affektäußerungen sekundär, durch die Reaktion der Pflegeperson, auch eine kommunikative Funktion gewinnen.12

Krause bemängelt zwei Beschränkungen in dieser Theoriebildung Freuds, die seines Erachtens für die gesamte Metapsychologie bestehen:

„1. Affekte werden ausschließlich als Folge einer Disregulation der Triebe gesehen.


  1. Dem Affekt wird keine primäre soziale Funktion zugesprochen.“ (Krause 1998, S. 25).

Die geringe Beachtung der sozialen Funktion der Affekte hat mit der Konzentration auf die Disregulation der Triebe zu tun, als deren Folge Schmerz und Schreien auftreten. Wendet man die Aufmerksamkeit auf das Lächeln und freudige Glucksen des Säuglings, so setzt dies voraus, daß es keine Triebbedürfnisse im Freud‘schen Sinne zu regulieren gibt. Die soziale Funktion ist hier offensichtlich die primäre, der Affekt des anderen ist selbst das Handlungsziel. So kann etwa, wie Krause ausführt, der Versuch, das Lächeln eines geliebten Menschen zu erreichen, Auslöser sehr komplizierter Handlungsketten sein.
Ein psychoanalytischer Säuglingsforscher, der sich viel mit den positiven Affekten und ihrem integrierenden Einfluß auf die psychische Entwicklung beschäftigt hat, ist Robert Emde (1992 und 1999). Er plädiert für ein metapsychologisches Modell, das Unlustvermeidung und Lustsuche als zwei getrennte Systeme auffaßt. Lustvolle Gefühle sind demnach nicht nur mit Triebentladung oder niedriger Spannung verbunden. Säuglinge suchen von Beginn an lustvolle Reize, verwenden positive Emotionen, um mit anderen zu kommunizieren und finden Lust im Ausprobieren und Problemlösen.

Das Lustprinzip der Freud‘schen Metapsychologie sucht die niedrige Spannung und stellt damit, wie von vielen Autoren bereits festgestellt wurde, eine Anwendung des Entropiegesetzes (2. Satz der Thermodynamik) dar. Das Lustprinzip der Säuglingsforschung strebt nach zunehmend organisierter Komplexität, mit anderen Worten nach Negentropie (Emde 1992, S. 33ff).


Diese Kritikpunkte scheinen mir Großteils nicht neu zu sein. Man erinnere sich nur an Fairbairn, der meinte, der Säugling suche nicht nach Lust, sondern nach dem Objekt, oder an Winnicotts Feststellung, daß es „das Baby“ nicht gebe, also man nicht über seine Affekte reden könne, ohne die der Mutter mit einzubeziehen. Den Affekt des anderen als Handlungsziel haben vielleicht auch die Objektbeziehungstheoretiker übersehen.
Die Frage der sozialen Funktion der Affekte ist natürlich für die psychoanalytische Praxis von zentraler Wichtigkeit. Das emotional Wichtigste wird hier oft nonverbal agierend kommuniziert. Man kann mit Dale Boesky (2000) vorschlagen, Inszenierungen („enactement“) als Universalsprache für die Kommunikation gefährlicher Affekte zu begreifen. Den klassischen metapsychologischen Vorstellungen wird oft nachgesagt, wenig Kapazität zu haben, diese Vorgänge theoretisch zu erfassen. Sie wurden ja auch oft als Ein-Personen-Psychologie bezeichnet. Ich vermute, daß deswegen Adam Limentani in seinem Beitrag zum Kongreß in Jerusalem 1977 die Auffassung äußerte, „daß (...) jeder Affekt oder Gefühlszustand, den der Analysand erkennen läßt, den Analytiker in Phantasie oder Person zum Gegenstand hat. Er kann daher am ehesten im Sinne einer Objektbeziehungstheorie verstanden werden.“ (Limentani 1977, S. 676).
Das am meisten diskutierte Konzept der Objektbeziehungstheorie ist in diesem Zusammenhang die projektive Identifizierung. Abgesehen von allen definitorischen Problemen scheint mir eindeutig zu sein, daß dieser Begriff unter „Zwei-Personen-Psychologie“ eingeordnet wird und auch eine Kommunikation von bzw. über Affekte beschreibt und insofern ein Konzept der sozialen Funktion von Affekten darstellt. Verwirrend dabei ist etwas, das zugleich eine Stärke des Begriffes sein mag: es ist oft nicht klar, ob es um intrapsychische oder interpersonelle Vorgänge dabei geht oder um beides zugleich. (Vgl. Hinshelwood 1989, S. 290ff).

Dale Boesky bezeichnete es in seiner Diskussion der Beiträge von Max Hernandez und John Steiner bei dem Kongress in Santiago als kategorialen Irrtum, „intrapsychisch“ mit „Ein-Personen-Psychologie“ und das „Modell internalisierter Objektbeziehungen“ mit Zwei-Personen-Psychologie gleichzusetzen. Genau genommen seien beide theoretische Rahmen, sowohl jener von „Konflikt, Fantasie und Abwehr“ als auch jener „internalisierter Objektbeziehungen“, in erster Linie intrapsychisch. (Boesky 2000, S. 258f).

Tatsächlich scheint mir, daß z.B. das Ich-psychologische Konzept der Identifikation mit dem Angreifer in diesem Sinne die gleichen Eigenschaften hat wie jenes der projektiven Identifizierung. Es beschreibt genauso intrapsychisch einen Abwehrmechanismus und interpersonell eine Kommunikation von Affekten.
Zum Abschluß möchte ich noch eine Richtung erwähnen, in der die Psychoanalyse nicht in einer Absetzbewegung zur klassischer Metapsychologie, sondern im Gegenteil mit einem teilweisen Wiederaufgreifen ihrer Konzepte, eine Verbindung zu aktuellster Forschung herstellt.
Neuro-Psychoanalyse – eine moderne Anknüpfung an Freuds Metapsychologie
„Neuro-Psychoanalysis“ ist der Titel einer 1999 erstmals erschienenen Zeitschrift (Nersessian&Solms 1999). Der Titel ist programmatisch. Der führende Autor innerhalb der Psychoanalyse ist Mark Solms (1996, 1999, Kaplan-Solms&Solms 2000), wichtige Beiträge liefern auch Luis Chiozza und Irène Matthis. Neurowissenschaftliche Grundlagen finden sich in Damasio (1995) und Le Doux (1996). Das Bild der Affektivität, das man aus diesen Untersuchungen gewinnt, ist für Solms mit Freuds klassischer Theorie in hohem Maße vereinbar, es überrascht daher nicht, daß Green als einziger der hier bisher zitierten Autoren mit einem Diskussionsbeitrag in der Gründungsnummer der Zeitschrift vertreten ist. Allerdings sieht er in diesen Anstrengungen einen hastigen Versuch, einen unmöglichen Kompromiss zwischen inkompatiblen Methoden zu finden (Green 1999c, S. 44).
Solms war beim Kongreß in Santiago Moderator des Panels zu diesem Thema. In seiner Einführung dazu gab er ungefähr folgende Zusammenfassung:

Gefühle sind Wahrnehmungen eines inneren psychophysischen Prozesses, der selbst unbewußt bleibt. Die psychischen und die somatischen Erscheinungsformen des Affektes sind zweierlei Repräsentationsweisen ein und desselben zugrundeliegenden Geschehens, das er als „basic processes“ bezeichnet und für ihn das Unbewußte darstellt. Der Affekt als gefühlhafte Wahrnehmung ist die primäre Sinnesmodalität zur Wahrnehmung der psychischen Realität. Zugleich ist er über die korrespondierenden physischen Veränderungen aber auch der Außenwahrnehmung zugänglich.

Diese psychophysischen Prozesse organisieren sich zu charakteristischen Mustern, teils angeboren und teils aufgrund von bedeutsamen Lebenserfahrungen, die, sobald sie im Gedächtnis fixiert sind, niemals verlernt, wohl aber gehemmt und abgelenkt werden können.
Darüber hinaus faßte Solms folgende neuronalen Verschaltungsmuster zusammen: danach identifizieren die neurophysiologischen Autoren in bestimmten Gehirnregionen ein „seeking-system“, das durch Bedürfnisse („needs“) wie Hunger, Durst, sexuelle Bedürfnisse, Temperaturempfindungen etc. aktiviert wird. Unabhängig von der Art des Bedürfnisses oder Wunsches arbeitet dieses System immer gleich. Affekte passieren damit also immer in Interaktion zwischen einem Subjekt und einem Objekt. Dabei identifizieren sie vier basale affektive Systeme, eines davon lustvoll, drei unlustvoll.

Das lustvolle ist das „pleasure-joy-lust-system“, also frei übersetzt das Freude-Lust-System; in diesem Zustand ist das „seeking system“ ausgeschaltet.

Die unlustvollen drei Systeme sind:

Das „Zorn-Wut-System“ wird aktiviert, wenn man vom befriedigenden Objekt ferngehalten wird.

Das „Angst-Furcht-System“ korrespondiert mit Vermeidung und Flucht. Das „System von Panik, Verzweiflung und Traurigkeit“ schließlich hat viel mit Separationserfahrungen zu tun. Depression gehört hierher, es korrespondieren Reaktionen des Zurücknehmens. Panik und Furcht sind also deutlich zu unterscheiden, gehören unterschiedlichen Affektsystemen an.
Man kann sicherlich einiges gegen diese Neuro-Psychoanalyse einwenden. Die Freud’sche Metapsychologie läuft hier Gefahr, einer Umarmung zum Opfer zu fallen, aus der sie, von Widersprüchen befreit und der Essenz beraubt, wieder hervorgeht. Trotzdem finde ich solche Versuche, zu aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen aufzuschließen, ein spannendes Unterfangen. Aber das letzte Wort will ich hier vorläufig André Green geben: Was sich Psychoanalytiker von ihrem Dialog mit Neurobiologen erwarten, meint er, sei nicht eine Anhäufung von Hinweisen bezüglich der Lokalisation von Kreisläufen oder dem Effekt chemischer Substanzen, sondern Hilfe zum Verstehen genereller Funktionsmuster des Gehirns. Nicht, weil es so viel in der Art ihrer Arbeit ändern würde, sondern weil es ihren Blick erweitern und, so vorhanden, ihre Neugierde bezüglich eines Themas befriedigen würde, das für sie immer interessant bleiben wird: das Leib-Seele-Problem (Vgl. Green 1999c, S. 44).
Literatur:

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FREUD, Sigmund (1895): Entwurf einer Psychologie. GW Nachtragsband.

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