Daniela Molzbichler sws-rundschau



Yüklə 246,75 Kb.

səhifə3/11
tarix20.09.2017
ölçüsü246,75 Kb.
1   2   3   4   5   6   7   8   9   10   11

164

Daniela Molzbichler

SWS-Rundschau (

.Jg.) Heft /: –

www.sws-rundschau.at

eine proletarische Kultur. Einen Höhepunkt der kritischen Auseinandersetzung mit

dem Begriff Kultur finden wir 

 bei Nietzsche:



»Sagen wir es uns ohne Schonung, wie bisher jede höhere Kultur auf Erden angefangen hat!

Menschen mit einer noch natürlichen Natur, Barbaren in jedem furchtbaren Verstande des

Wortes, Raubmenschen, noch im Besitz ungebrochner Willenskräfte und Macht-Begierden,

warfen sich auf schwächere, gesittetere, friedlichere, vielleicht handeltreibende oder viehzüch-

tende Rassen, oder auf alte mürbe Kulturen, in denen eben die letzte Lebenskraft in glänzen-

den Feuerwerken von Geist und Verderbnis verflackerte« (Nietzsche 

/ , .).

Während WissenschafterInnen und PhilosophInnen des 

. und . Jahrhunderts eher

versuchten, Kultur in einem anderen Licht, in einer neuen Perspektive zu sehen – viel-

leicht auch dem Wort eine zusätzliche Bedeutung zuzuschreiben –, so wird in jüngerer

Zeit und vor allem im Bereich der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen Kultur »zer-

klärt«: Es gibt eine nahezu unendliche Fülle an variierenden und teilweise sogar gegen-

sätzlichen Begriffsdefinitionen, die wiederum stets Einblick in die »Kultur des Definie-

renden« geben.

Bereits vor 

 lassen sich diese unterschiedlichen Sichtweisen auf Kultur erken-

nen: Im Gegensatz zu Tylor etwa gilt Franz Boas als Vertreter eines kulturellen Relati-

vismus (Boas 

). Boas, emigrierter deutscher Jude, gilt als Vater der US-amerikani-

schen Kulturanthropologie. Er spricht in seinen Werken von einer »Kulturbrille«, die

jede Person trägt, und durch die wir blicken, die Welt um uns herum erkennen und in-

terpretieren (Boas 

, Monaghan/ Just ). Neben seinen KollegInnen ist vor allem

Ruth Benedict (

) hervorzuheben, die von »patterns« spricht – von kulturbedingten

Grundmustern menschlichen Verhaltens, die jeweils einem psychologischen Grund-

muster unterliegen: Das Konzept eines so genannten »Kulturcharakters« entsteht. Eine

ähnliche Perspektive zeigt Margaret Mead auf. Auch sie ist Anthropologin, Schülerin

von Boas, und meint, dass jeder Kulturtypus einen bestimmten Persönlichkeitstypus

signifikant häufig hervorbringt. Bei ihren Feldforschungen in der Südsee untersuchte

Mead auch das Zusammenleben der Geschlechter und beeinflusste mit ihrer Kritik an

der sozialisationsbedingt minderen Rolle der Frau in der US-amerikanischen Gesell-

schaft die Frauenbewegungen der 

er-Jahre (Mead ).

Nicht wegzudenken ist auch Claude Lévi-Strauss, der sprachwissenschaftliche Me-

thoden auf die Erforschung außereuropäischer und vorindustrieller Kulturen übertrug.

Er vertritt die Gleichrangigkeit des »wilden Denkens« mit dem »europäisch-zivilisier-

ten« (Lévi-Strauss 

).

Die These des kulturellen Relativismus spielt bei vielen Kulturbeschreibungen eine



entscheidende Rolle. Im Sinne von Lévi-Strauss wird von der Gleichrangigkeit aller

Kulturen ausgegangen – dieses Prinzip steht im Gegensatz zum Eurozentrismus und

zur kolonialistischen Mentalität. Sie widerspricht vor allem auch den Vorstellungen von

Kultur des französischen 

. Jahrhunderts und der späteren deutschsprachigen Verwen-

dung des Begriffs im Sinne von »Hochkultur«. Problematisch wird die These des kultu-

rellen Relativismus dann, wenn behauptet wird, dass kulturell bedingte Überzeugungen

beispielsweise historisch gewachsen sind, und dass sie nicht außerhalb dieses Kontexts

bewertet oder kritisiert werden dürfen. Wenn etwa ein Gericht innerhalb der Europäi-



165

Kulturen in Konflikt? Vom Umgang mit Konflikten in interkulturellen Beziehungen

www.sws-rundschau.atSWS-Rundschau (

.Jg.) Heft /: –

schen Union bei Ehrenmorden (beispielsweise wenn ein Vater seine Tochter wegen Un-

gehorsams tötet) Strafmilderung erteilt, da dies Teil der Kultur und Religion des Ange-

klagten sei, erhält der kulturelle Relativismus einen schalen Beigeschmack.

Seit Beginn des 

. Jahrhunderts steht vor allem die Frage im Mittelpunkt, ob sich

Kulturdefinitionen primär auf die Person beziehen (wie wir dies bei Benedict 

, Boas

, White , Mead  und Lévi-Strauss  nachlesen können) oder ob Kultur

etwas »Äußerliches« ist, das auf Menschen einfließt, indem »Kultur« von außen auf sie

wirkt (siehe etwa Lowie 

 und Kroeber/ Kluckhohn ).

Ab Mitte des 

. Jahrhunderts wird eine genaue Darstellung der Kulturdefinitio-

nen immer schwieriger. Jede Wissenschaftsdisziplin bietet verschiedenste Begriffsklä-

rungen von Kultur, die ihrerseits wieder weiterentwickelt werden. Daraus entsteht eine

Fülle an unterschiedlichen Erklärungen, die nicht mehr überschaubar sind.

2.2 Kultur als mentale Programmierung

Aus dieser unendlich scheinenden Fülle an Definitionen möchte ich einen der bedeu-

tendsten und strittigsten Ansätze für Kulturunterschiede hervorheben, nämlich jenen des

Niederländers Geert Hofstede (

, , ) Auch Hofstede ist sich der vielschichti-

gen Bedeutung von »Kultur« bewusst und versucht, zwischen einem Begriff im engeren

Sinne, er bezeichnet dies als »Kultur I«, und einem Begriff in einem weiteren Sinne, als

»Kultur II«, zu unterscheiden. In Anlehnung an das am meisten verbreitete Verständnis

von »Kultur« wird Kultur I als Zivilisation im Sinne von »cultura animi« verstanden.

Interessanter für ihn ist jedoch Kultur II, denn hier findet »... die kollektive Pro-

grammierung des Geistes (statt), die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von

Menschen von einer anderen unterscheidet« (Hofstede 

, ). Nach Hofstede wird

Kultur II erlernt. Er ist davon überzeugt, dass »… die Persönlichkeit eines Individuums

dessen einzigartige Kombination mentaler Programme (ist), die es mit keinem anderen

Menschen teilt. Sie begründet sich auf Charakterzüge, die teilweise durch die einmalige

Kombination von Genen dieses Individuums ererbt und teilweise erlernt sind« (Hofste-

de 


, ). Die mentale Software »… bestimmt die verschiedenen Muster im Denken,

im Fühlen und im Handeln. Sie kann Aufschluss darüber geben, welche Reaktionen

angesichts der persönlichen Vergangenheit wahrscheinlich und verständlich sind ...«

(Hofstede 

, ), wobei jede Person die Option besitzt, davon abzuweichen oder et-

was zu verändern.

Die Quellen für die mentale Programmierung sind im sozialen Umfeld zu finden.

Es gibt verschiedene Ebenen dieser mentalen Programmierung, wie etwa die regionale,

religiöse oder sprachliche Zugehörigkeit, das Geschlecht, die Generation, die Ausbil-

dung oder der Arbeitsplatz. Aufgrund der widersprüchlichen mentalen Programme in

jedem Menschen ist dessen Verhalten in einer neuen Situation schwer vorauszusehen.

Fest steht nach Meinung Hofstedes jedoch, dass die religiösen Anschauungen oder wis-

senschaftlichen Theorien einer Person zu jener mentalen Software passen, mit der sie

in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz programmiert wurde und wird. Somit

sind diese verschiedenen mentalen Programmierungen für kulturelle Unterschiede ver-

antwortlich und kein Mensch besitzt die gleiche mentale Programmierung.






Dostları ilə paylaş:
1   2   3   4   5   6   7   8   9   10   11


Verilənlər bazası müəlliflik hüququ ilə müdafiə olunur ©genderi.org 2019
rəhbərliyinə müraciət

    Ana səhifə