Die deutsche Gelehrtenrepublik. Ihre Einrichtung. Ihre Geseze. Geschichte des lezten Landtags. Auf Befehl der Aldermänner durch Salogast und Wlemar. Herausgegeben von Klopstock. Erster Theil



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Der Abend.
Aus einer neuen deutschen Grammatik.
Nachdem man sich einige Zeit über die Sprache unterredet hatte, las einer von der Geselschaft verschiedenes aus einer neuen deutschen Grammatik vor, von der er sagte, daß er sie, wenn er auch Zeit dazu hätte, doch wol nicht ganz ausarbeiten würde. Weil er keine Neigung hätte, das schon gesagte zu wiederholen; (wenige Wiederholungen ausgenommen, welche die Verbindung notwendig machte,) so wolte er sich nur auf das einlassen, was die Grammatiker bisher in der Sprache noch nicht bemerkt hätten, und was doch unentbehrlich wäre, wenn man sich einen vollständigen Begrif von ihr machen wolte. Da man ihn aber bald überzeugte, daß von dem schon gesagten vieles unrichtig wäre, und auch das richtige noch viel bestirnter, und theils auch kürzer müste vorgetragen werden; so schien es, daß er seinen Entschluß, nur grammatische Fragmente heraus zu geben, vielleicht ändern würde.

Wir liefern hier einige dieser Fragmente in der Ordnung, wie sie uns, nach Veranlassung des fortwährenden Gesprächs, sind vorgelesen worden. Nur die Einleitung sezen wir zuerst, obgleich die Vorlesung nicht damit angefangen wurde. Der Grammatiker lehrt die Regeln der Sprache, und bemerkt die Bedeutungen der Wörter. Weil er die Sprache nehmen muß, wie sie ist, und nicht, wie sie, nach seinem gegründeten oder ungegründeten Bedünken, seyn solte; so ist es der Sprachgebrauch allein, der, so wol in Absicht auf die Regeln, als auf die Bemerkungen, sein Führer seyn muß. Er mag auf ihn als einen Tyrannen so viel schelten, wie er will; aber gehorchen muß er ihm. Thut er das nicht, so ist er ein grammatischer, bisweilen recht feiner Schwäzer; aber kein Grammatiker. Er wollte freylich gern die Sprachähnlichkeit und die selbstgemachte Wortbestimmung zu einer Art von Mächten erheben, und sie dem Tyrannen hier und da entgegen stellen; aber sein Bestreben bleibt ohne Wirkung, und diese kleinen Mächte können wider den Tyrannen nichts ausrichten. Soll die Sprachähnlichkeit gelten; so muß sie's in ihrem ganzen Umfange: und der wäre kein geringerer, als daß wir lauter Regeln ohne Ausname bekämen. Die meisten von denen, die sich unter uns an Untersuchungen der Sprache gewagt haben, lieben nichts so sehr, als selbstgemachte Wortbestimmungen; aber sind die denn darum in der Sprache auch vorhanden, weil man sie ihr andichtet? Jede Sprache ist gleichsam ein Behältnis der eigensten Begriffe eines Volks. Was würde in unser Behältnis nicht alles hinein geworfen, und was nicht herausgenommen worden seyn, wenn man da nur so nach Belieben schalten und walten könte? Aber es geht nun einmal damit nicht, und die Nation denkt, wie sie denkt, und nicht, wie es die wol haben möchten, die vornämlich deswegen, weil sie die Sprache nicht kennen, so viel Langes und Breites, über Bedeutungen, welche die Wörter nicht haben, hererzählen.



Ganz anders ist es mit denjenigen, welche nicht durch Regeln und Bemerkungen, sondern durch Beyspiele, zu der Ausbildung der Sprache beytragen. Diesen muß die Sprachähnlichkeit eine Gesezgeberin seyn; sie dürfen aber auch auf der andern Seite, gewiß das Kleinere thun, nämlich den Bedeutungen derer Wörter, die sie lenksam finden, hier und da eine etwas veränderte Bedeutung geben, da ihnen das Grössere, nämlich neue Wörter zu machen, erlaubt ist. Und auch hier muß die Sprachähnlichkeit wenigstens ihre oft gefragte Rathgeberin seyn; ich meine, daß man nur sehr selten nach den Vorstellungen von der Schönheit der Sprachen überhaupt verfahren dürfe. Wir müssen den Begrif, den wir uns von dem Sprachgebrauche zu machen haben, auseinander sezen. So bald das Volk, die guten Geselschaften und Scribenten (ich schliesse hierdurch die Redner nicht aus, welche ihre Reden nur halten) so bald diese übereinstimmen; so gilt gar keine Widerrede, und solt es selbst gegen die Begriffe seyn, was durch diese Übereinstimmung eingeführt wird. Wir sagen zum Exempel Allerdings; es ist widersinnig Mehrheit und Einheit zusammen zu sezen; es solte Allerdinge oder Allesdings heissen; die Athenienser sagten zum Exempel die Thiere läuft (unter der Einschränkung, daß das Hauptwort geschlechtlos war) dieß ist eben so widersinnig: aber gleichwol ist jenes deutsch, und dieses attischgriechisch. Das Volk allein (der ganz geringe Mann wird beynah niemals mit darunter begriffen) kann nur in wenigen Fällen entscheiden, z. E. wenn es darauf ankomt die Beschäftigungen, und die Werkzeuge des Handwerkers oder des Ackermanns zu benennen. Damit wird gleichwol nicht gemeint, daß man die Ausdrücke des Volkes in allen andern Punkten der Aufmerksamkeit völlig unwürdig halten solle. In einigen Gegenden sagt es z. E. die Syndicusse. Vielleicht endigen wir noch mit der Zeit kürzere Namen, als die Brutusse, eben so; aber mit den längern, als die Pompiliusse wird es wol nicht geschehn, weil sie schleppend seyn würden. Die guten Geselschaften solten natürlicher Weise viel mehr entscheiden können. Weil sich aber bey uns fast Niemand etwas daraus macht, seine Sprache auch nur richtig zu sprechen; und weil man so gar in denen Geselschaften, welche den Namen der guten vorzüglich verdienen, oft aus dem Französischen übersezt, indem man deutsch spricht, und dieß wol so wörtlich thut, daß man denen, die nur deutsch wissen, völlig unverständlich ist; so würde es sonderbar seyn, wenn sich die Geselschaften mehr als das Volk anmaassen wolten. Sie, und das Volk sagen z. E. lehre mir; und gleichwol ist lehre mich allein deutsch. Die guten Scribenten sind es also, auf deren Beyspiel es vornämlich ankomt. Wie gern überliessen sie den Geselschaften einen Theil ihrer Bürde. Aber diese wollen ja nun einmal nicht; am wenigsten wollen es die, welche man an Höfen sieht, und sie manchmal so ziemlich blindlings für die besten hält. Man kann sich hier eine scheinbar schwere Frage einfallen lassen. Die südlichen Deutschen sezen gewönlich da die langvergangne Zeit, wo die nördlichen die jüngstvergangne sezen; jene sagen ich bin gegangen, wo diese, und zwar Volk, Geselschaften, und Scribenten ich ging sagen. Wer soll hier entscheiden? Weil auch die südlichen Scribenten sagen ich ging; so wird die Sache durch ihren Beytritt entschieden. Wie gebildet eine Sprache auch seyn möge; so ist in ihr doch immer etwas vorhanden, das der Gebrauch noch nicht festgesezt hat. Indem hiervon dieß oder das von Zeit zu Zeit festgesezt wird, so ist indeß wieder etwas aufgekommen, wobey man von neuem schwankt. Hierher gehört z. E. ob man leisen Tritts oder leises Tritts sagen solle; obgleich jeder stehendes Fusses sagt. Bey rief oder rufte schwankt man nicht; denn es ist ausgemacht, daß beydes angehe. Hingegen ist bey pries und preiste die Festsezung des pries ganz nahe. Bey den Hülfswörtern seyn und haben werden wir wol nie zur völligen Festsezung gelangen. Verdient haben wir es wenigstens, daß es nie geschehe. Denn warum fanden wir nötig, zu einerley Bedeutung zwey Hülfswörter anzunehmen. Der Grammatiker kann ausserdem, daß er das Festgesezte in so wenige und so kurze Regeln fast, als es der Vollständigkeit unbeschadet nur immer angeht, auch über das Festzusezende seine Meinung sagen; aber wenn er glaubt, daß er die Sache dadurch entscheide, so irt er sich. Denn er hat nur Eine Stimme. Er muß mit andern ehrlichen Leuten geduldig abwarten, was der Tyrann für ein Endurtheil fällen werde. Ich habe den Kanzleystyl mit Bedacht ausgelassen. Er gehört eben so wenig zur Sprache, als die Mundarten dazu gehören. Ob ein obersächsischer Dichter Truz anstatt Troz seze; ein niedersächsischer Fach und Tag reime; ein schweizerischer in Musik die erste Sylbe lang ausspreche, oder ob ein Canzellist zu Jemanden eine tragende Neigung habe, das ist alles einerley. So etwas wird nicht mit auf die Wagschale gelegt, wenn es auf Entscheidung ankommt.

Da ich diese Grammatik vornämlich für die schreibe, die nur unsere Sprache wissen, oder wenn sie auch ausländische verstehen, diese allein durch die Übung gelernt haben; so habe ich mich wenig darum zu bekümmern, was Andre dazu sagen werden, daß die Kunstwörter, welche ich brauche, deutsch sind. Ich wil also auch nur mit denen, für die ich vornämlich schreibe, ein Paar Worte über diese Sache reden. Wenn diese ein deutsches Kunstwort lesen, so verstehen sie es gleich beym ersten Anblicke, wenigstens bis auf einen gewissen Grad, und verstehen es völlig, so bald sie es noch ein paarmal angetroffen haben. Man sieht, daß ich gut gemachte Kunstwörter vorausseze. (Ob es die meinigen sind, darüber habe ich nicht zu entscheiden.) Wem solte es undeutlich seyn, wenn ich zum Exempelsagte: Aus Strom wird Ströme, und sang aus singen, durch den Umlaut? Wenn aus a ä, aus o ö, und aus u ü wird, als Kraft Kräfte, floß flösse, Fluß Flüsse; so ist der Umlaut bestimt: und wird aus irgend einem Selbstlaute irgend ein andrer, als kommen, kam; laufen, lief; fliehen, floh; so ist der Umlaut unbestimt? wem undeutlich, wenn ich sagte: Tag wird in Tages, Tage, Tagen, umgeendet? Ich könte hierbey etwa fortfahren: Wir haben so und so viel Umendungen der Hauptwörter (über Hauptwörter hätte ich mich dann vorher schon erklärt) und es ist sonderbar, daß wir seit Bödikern so viele Grammatiken geschrieben, und gleichwol in keiner die Zahl jener Umendungen festgesezt haben. Mich deucht, ich kann schon jezt fragen, ob man diese und ähnliche Kunstwörter nur so eben in Vorbeygehen bemerken, und sie dadurch lernen, oder ob man sich darauf einlassen wolle, die lateinischen Kunstwörter dem Gedächtnis mühsam einzuprägen, und die Erklärungen derselben, die nur selten kurz seyn können, auszuhören ? Denn man will denn doch wol mit dem fremden und daher schwer zu behaltenden Schalle auch Begriffe verbinden. Ich habe gesagt, daß die Erklärungen der lateinischen Kunstwörter nur selten kurz seyn können. Die Ursache davon liegt in ihrer Beschaffenheit. Sie sind nämlich oft weit hergeholt, und haben zu allgemeine Begriffe, als daß sie das Ding, wovon die Rede ist, genau bestimmen sollen: bisweilen sind sie so gar widersinnig. Was wir, wenn z. E. die Umendung ist des Stromes, wie mir es vorkömt der Sache gemäß Verkürzung nennen konten (Es ist offenbar Verkürzung, wenn man z. E. der Zweig des Baumes sagt. Denn könte man nicht so umenden, so müste man sagen: Der Zweig, den der Baum hat, der auf dem Baume wächst, oder welche verlängernde Redensart man sonst wählen wolte) was wir Verkürzung nennen konten, das nent man im Lateinischen Genitivus casus, oder Zeugeendung auf eine sehr weit hergeholte Art. Lateinische Kunstwörter sind ferner: indicativus modus oder anzeigungsweise; conjunctivus modus, verbindungsweise; imperativus modus, befehlsweise; und infinitivus modus, auf unbestimte Weise. Das, wovon hier geredet wird, ist, durch diese Kunstwörter, befehlsweise ausgenommen, so ziemlich ins Weite hin angedeutet worden. Wenn ich es nicht für überfliessig hielte, bey dem Zeitworte, ausser dem Begriffe der Zeit, noch etwas anders zu bestimmen; so würde dieses Andre dasjenige nicht seyn, was die lateinischen Grammatiker und ihre Nachsprecher gewählt haben.

Ein lateinisches Kunstwort ist auch genus neutrum oder keines von beiden Geschlechtern. Aber das Wort Geschlecht kann ja hier dem Begriffe nach gar nicht mehr statt finden. Ich habe daher die Hauptwörter in mänliche, weibliche, und geschlechtlose abgetheilt.

Wer diese Kunstwörter den deutschen vorzöge, müste, ausser den angeführten, noch viele die ihnen ähnlich sind, lernen. Dazu komt nun noch, daß eine deutsche Grammatik, in welcher die fremden Kunstwörter gebraucht würden, dennoch nicht ganz ohne deutsche seyn könte. Denn fürs erste haben diese alten Grammatiker verschiednes nicht untersucht, was sie hätten untersuchen sollen; man müste also noch einige Kunstwörter mehr haben, als man bey ihnen antrift: fürs zweyte erfodert das Eigenthümliche unsrer Sprache einige, die in den lateinischen Grammatiken nicht vorkommen konten. Also lateinische und deutsche Kunstwörter durch einander, ein Gemisch, das mir wenigstens sehr widrig vorkomt. Ich hoffe, daß ich die, für welche ich schreibe, auf meiner Seite habe. Diejenigen, denen die fremden Kunstwörter durch lange Angewönung geläufig sind, können von dieser Sache nicht unpartheyisch urtheilen, wenn sie sich nicht an die Stelle derer sezen, welche diese Kunstwörter nun erst in spätern Jahren, und ohne die geringste Kentnis des Lateins, viel mühsamer lernen müsten, als sie dieselben in früheren, mit dem Lateine zugleich, gelernt haben. Ich habe für den Gebrauch deutscher Kunstwörter noch Einen Grund, der, wie ich hoffe, nicht zu wenigen stark vorkommen wird, ob es gleich noch jezo, gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts, so lange nach Luthern! Leute unter uns giebt, die es noch nicht einmal wissen, daß wir eine Sprache haben, und sie daher die hochdeutsche Mundart nennen; dieser mein Grund ist, daß es lächerlich seyn würde, wenn wir von unsrer Sprache nicht in unsrer Sprache schreiben wolten.

Von den einfachen und vereinten Tönen (Dieß gehört in die Abtheilung Von der richtigen Aussprache) Wir haben fünfzehn einfache Töne, erst die Selbstlaute, und dann die Mitlaute h, b, f, d, k, l, m, n, r, und s. Fünfe davon werden in der Aussprache verändert; aber sie bleiben gleichwol einfach. E wird in ä, und ö verändert, i in ü und j; u in w; b in p; und d in t. Die einfachen Töne, unveränderte und veränderte sind entweder Selbstlaute, oder Mitlaute, oder Zwischenlaute. Die Zwischenlaute sind j und w. Die vereinten Töne werden zugleich ausgesprochen, und bekommen dadurch eine andre Bildung, als wenn man sie hinter einander ausspräche. Sie sind jh wir schreiben´s g, jhh oder gh, wir schreiben´s ch, sjhh oder sgh, es wird sch geschrieben, und pf, weiches auf gleiche Art geschrieben, und ausgesprochen wird; ferner ai wir schreibend fast immer ei. Bey au, eu, und äu ist Schreibung und Aussprache gleich; oi komt fast gar nicht vor.

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Anmerkung 1. Z und x sind Schreibverkürzungen, und werden nicht als vereint, sondern als sich folgend ausgesprochen. Tz kann nur mit der äussersten Anstrengung, und das nicht einmal in allen Stellungen ausgesprochen werden; es wird aber von Niemanden ausgesprochen. Wer spricht sitts aus, und vollends sittst? Dieser Schreibverkürzung könten wir also entbehren. Man sagt zwar wenn wir: schüzen schrieben; so müsten wir schütsen aussprechen. Aber warum müsten wir denn? Was geht's denn Zunge und Ohr an, daß der Schreiber t s durch z verkürzt hat? und was hindert uns denn das durch z ausgedrükte t s hören zu lassen, und schütsen auszusprechen?

Anmerkung 2. Y, th, dt, v, ph, und q sind nur fürs Auge. Q würde Schreibverkürzung seyn, wenn man das u nach demselben wegliesse. Y klingt völlig wie i, th, und dt wie t, v und ph wie f, und q wie k.

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Aus der Abtheilung von der schönen Aussprache wurde noch viel weniger, nur der Hauptinhalt derselben, vorgelesen, 1 Der Begrif vom Wohlklange muß nicht auf das Sanfte eingeschränkt werden, 2 Von der verschiednen Zusammensezung wohlklingender Töne in Sylben und Wörtern. 3 Sie müssen durch die Aussprache so gebildet werden, daß sie sich vor den andern ausnehmen. 4 Die Tonwandlung muß nicht sprungweise geschehn. 5 Man läst die Dehnung unübertrieben hören. 6 Man spricht die verschiedne Länge und die verschiedne Kürze nach der wahren Zeit aus.

Abtheilung von der Tonwandlung und dem Tonhalte. Man kann einige Wörter hinter einander nicht ohne Tonwandlung aussprechen. Die Stimme steigt nämlich oder sinkt in einem gewissen Umfange. Der Umfang der Tonwandlung ist bey uns kleiner, als bey einigen andern Nationen. Denn wir sind zu mänlich, um beym Sprechen, oder bey Haltung einer Rede, Geschrey zu machen.

Der Tonhalt bildet die an sich selbst schon langen Wörter oder Sylben auf zweyerley Weise. Er bricht entweder die Zeit, in der sie ausgesprochen werden, schnell ab, oder er dehnt sie ein wenig aus, als Waldstrom, sann, sahn. Wald, sann wird abgebrochen, Strom, sahn gedehnt.

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Anmerkung 1. Geschrey entsteht nicht allein durch die Anstrengung, sondern auch durch die Höhe der Stimme.

Anmerkung 2. Diejenigen Sylben, mit denen die Stimme sinkt, sind bey uns gewönlich kurz; aber nicht deswegen, weil die Stimme mit ihnen sinkt, sondern weil es da zu geschehn pflegt, wo die aus andern Ursachen kurzen Sylben sind.

Anmerkung 3. Etliche wenige Wörter oder Sylben, die nach den Regeln des Tonmaasses zweyzeitig sind, haben gleichwol die Dehnung; aber sie giebt ihnen die Länge nicht. So ist ihm, zweyzeitig, und wird, wenn es lang wird, aus andern Ursachen lang, als des Tonhalts wegen.

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Von der Rechtschreibung. Wenn wir die unsrige mit der englischen oder französischen vergleichen; so ist sie vortreflich, wir schreiben z. E. nicht o auch durch au und aux, und eau, und eaux (wie barbarisch würde das den Franzosen bey einer ändern Nation vorkommen?) aber, ohne diese Vergleichung, ist sie nicht wenig fehlerhaft. Der Begrif einer guten Rechtschreibung kan kein andrer seyn,als nur das, was man hört, aber auch alles, was man hört, zu sezen. In vollkommner hört man Ein l und Ein m nicht; in nur und schon ist die Dehnung des u und des o unbezeichnet geblieben. Wir bezeichnen jezt die Dehnung bald durch ein h und bald durch die Verdoplung der Selbstlaute, i ausgenommen, dessen Dehnung wir durch ein dabey geseztes e ausdrücken. Aber oft lassen wir diese Bezeichnungen, das e ausgenommen, weg. Sich darüber zu vergleichen, in welchen Wörtern von denen, wo das Zeichen fehlt, das h, und in welchen die Verdoplung gebraucht werden solte, würde schwerer seyn, als darüber überein zu kommen, daß man ein allgemeines Zeichen der Dehnung einführen wolte. Welches Zeichen? Nicht die Verdoplung; das h auch nicht. Vielleicht einen Ovalzug unter den Selbstlauten. Es käme hier darauf an, den Zug so zu machen, und so anzubringen, daß das Auge dabey nichts zu erinnern hätte. Doch eh wir zu einem allgemeinen Zeichen der Dehnung, und zur Weglassung ungehörter Buchstaben kommen, wird wol noch viel Zeit hingehn. Das lezte haben schon manche thun wollen; aber es ist ihnen mislungen, weil sie es auf Einmal haben ganz thun wollen. Vielleicht würd es eher gelingen, wenn man nach und nach immer ein wenig in der Sache vornäme. Ist dieß zu hoffen; so ist es auch gut anzufangen. Womit? Das ist fast gleichgültig. Wenn es nun einen gäbe, dessen Auge z. E. durch kommt, nimmt eben so sehr beleidigt würde, als jezo eines jeden Auge durch Freundschafft, Krafft (welches vor kurzem noch da war) würde beleidigt werden; und dieser also lieber komt nimt, als kommt nimmt schriebe: so würde man es ihm wenigstens denn doch wol verzeihen, daß er ein so grillenhaftes Auge hätte, und daher auf die angeführte Art schriebe. Auch würde man wol nicht sagen können, daß er mit zu Vielem auf Einmal anfinge, wenn er zugleich das tz, als etwas, das kein Deutscher aussprechen könte, wenigstens in diesem Jahrhunderte nicht ausgesprochen hätte, ganz verwürfe. Wer kann denn settsen oder gar settst aussprechen? Glaubt es einer zu können; so wird er gefragt: Ob er mag, und wenn er möchte, darf? Der Einwurf, daß, wenn man z. E. nicht setzen sondern sezen schriebe, das e bey der Aussprache gedehnt werden müste, würd ihm etwa deswegen kein Einwurf zu seyn scheinen, weil Niemand darauf verfallen wird, das e da zu dehnen, wo er es nie zu dehnen pflegt, und weil er es vor der Schreibverkürzung z in set-sen z. E. sehr gut ungedehnt aussprechen kann; hingegen aber tsen in set-tsen nicht aussprechen darf, wenn er es auch könte, oder gar möchte.

So weit ginge etwa einer im Anfange; und andern, die wie er glaubten, daß die Rechtschreibung ein Ding fürs Ohr, und nicht fürs Auge wäre, überliesse er, nach und nach zu versuchen, 1 Mehr Verdoplungen wegzulassen. (Der versteht nichts von der Ableitung, welcher glaubt, daß sie bey dieser Weglassung leide) 2 F oder v zu wählen, und das ph nicht mehr zu brauchen. 3 Das q ohne u zu schreiben, oder es wegzuwerfen, und, wo es dann nötig wäre, auf das k ein u folgen zu lassen. 4 Das th und dt wegzuwerfen. 5 Des c und y nicht ferner zu schonen, und 6 ein allgemeines Zeichen der Dehnung festzusezen. Nachdem wir nun längere oder kürzere Zeit mit diesen Veränderungen zugebracht hätten, würden wir mit den Franzosen und Engländern, die etwan auch alsdann noch ihre Allerleyzeichen haben möchten, auch in diesen Nebendingen, die aber gleichwol mit zur Sache gehören, früher oder später zur Richtigkeit kommen. Entfernt könte diese zu machende Richtigkeit wol noch so ziemlich seyn, weil wir jezo so gar noch nicht einmal mit einander einig geworden sind, ob wir uns Teutsche oder Deutsche schreiben wollen.




Dritter Morgen.

Die Zunft der Dichter schlägt ein neues Gesez vor. Wlemars Nachforschung, ob das Gesez werde angenommen werden. Seine Unterredung mit einigen Ausländern.


Es solten zwar nach der Anordnung der Aldermänner die einzelnen Ankläger erst gehört werden, eh man die wichtigern Sachen vornähme; aber die Bewegung der Republik war zu groß dieser Anordnung zu folgen. Mit Anbruche des Tages waren Lehrgebäude verbrant worden; man hatte sie, ohne viel hinzusehn, brennen lassen, und die Zeit mit sehr warmen Berathschlagungen zugebracht. Man würde kaum gewust haben, was vorginge, wenn der Schreyer nicht eine so jämmerliche Klage während des Brandes erhoben hätte.

Der Anwald der Dichter kam herauf, ein neues Gesez in Vorschlag zu bringen. Er las es von einer ehernen Tafel ab, und nicht, wie bisher gewönlich gewesen war, von einer Pergamentrolle, Es ist seitdem beschlossen worden, daß es künftig allzeit so gehalten, und kein Gesez mehr auf Rollen geschrieben werden soll; und nicht allein dieß, sondern es werden auch die älteren Geseze auf Tafeln geschrieben, und in der Halle aufgestelt werden. Hierdurch fält vollends alles Vorwenden weg, daß man die Geseze nicht genung kenne, weil man sie beständig vor Augen hat. Der Anwald las die Tafel ab.

»Den Ausrufern und Ankündigern wird bey dreyjähriger Landesverweisung, und denen, die schreiben, bey der lauten Lache, oder noch schärferer Rüge, verboten: Bücher, wie sie die Ausländer lange gehabt, und lange vergessen haben, so zu empfehlen, als ob die Nation stolz darauf sey sie zu besizen. Ist ein Ausrufer, oder Ankündiger, oder gar ein Scribent wegen einer solchen Anpreisung eines solchen Buchs verdientermaassen heimgesucht worden, und trit dann ein gleicher Anpreiser eben dieses Buches auf; so wird er, des Verfahrens halben, angesehn als einer, welcher der Nation mit Wissen und Willen, freventlich und öffentlich Hohn gesprochen hat. Und ein solcher dünkelhafter, und unvaterländischer Mensch hat Hochverrath begangen.

Also urtheilte, nach reifer Erwägung, und kalter Beratschlagung, die Zunft der Dichter auf dem Landtage, zwey und siebzig, achtzehntes Jahrhundert.«

Der Anwald stelte die Tafel hin, und sie wurde, wie vordem die Rollen, von Zunft zu Zunft, und zulezt auch zu dem Volke gebracht. Ein Gesez vorschlagen, und die Stimmen über die Aufname oder Verwerfung desselben sammeln geschieht bey uns selten an Einem Tage. Auf andre Sachen wolte man sich, nach diesem vorgeschlagnen Geseze, auch nicht einlassen. Die Landgemeine ging daher aus einander. Ich suchte den Ausgang des morgenden Tages (Wlemar schreibt dieses) aus dem, was den heutigen geschähe, zu errathen. Ich hörte hier und da einige, doch nur behutsame Klagen über die Strenge des neuen Gesezes; aber ein höhrer Ton, der Ton des jezigen Landtages waltete vor, und diese Klagenden konten wenigstens so gleich nicht aufkommen. Die Ausrufer und Ankündiger hörten nur umher; ihre gewönliche Kühnheit hatte sie verlassen, und sie wusten überhaupt nicht so recht, woran sie wären. Denn es konte ja ihr Ankläger vonneuem vorgerufen, und ihrentwegen gar ein Gesez gegeben werden, welches ihr Ansehn und ihre Fähigkeiten in ein sehr genaues Verhältnis brächte. Überdieß war das eben vorgeschlagne Gesez schon schlimm genung für sie; und manchem unter ihnen ging auch der Schleichhandel mit den Bilderchen nicht wenig im Kopf herum. Denn es waren schon einige derselben bey den Nachtwächtern gefunden worden; und diese hatten auch schon alles gestanden. Dieß zusammen hatte den Erfolg, daß sich die Ausrufer auf keine Weise getrauten, sich wider das neue Gesez zu erklären. So bald ich sah, daß es mit ihnen so stand, gab ich mich nicht weiter mit ihnen ab. In der gemischten Zunft wurden nicht wenig Widersprüche so laut, daß man hätte fürchten können, das Ding würde völlig um sich greifen, wenn ihr Anwald, ein heftiger vaterländischer Mann, nicht sehr Obstand gehalten hätte. Gleichwol konte man doch nicht so recht wissen, wie es Morgen bey der Stimmensamlung hergehn würde. Denn viele Scribenten dieser Zunft hatten, bey allem, was sie sagten, eine sehr väterliche Rüksicht auf ihre Schriften. Überhaupt bekam auch auf andern Zünften diese Rüksicht nach und nach so viele Einflüsse, daß ich zulezt zu zweifeln anfing, ob das neue Gesez durchgehn würde. Das Volk hatte man auch, ich weis nicht durch welche Abgeschikte, grossentheils gewonnen. So viel ist gewiß, daß sich einige Ausrufer wegschlichen, als ich mich unter dasselbe mischte. Ich muß es dem Rathfrager nachrühmen, daß er sehr gut gesint ist. Er nahm meinen Vorschlag, die Aldermänner zu fragen, gleich an; und seine Zurükkunft brachte eine so merkliche Veränderung hervor, daß ich beym Weggehn fast mit Gewisheit auf die drey Stimmen hoffen konte.

Ich kam hierauf mit einigen Ausländern in Geselschaft, deren Aufmerksamkeit auf alles, was vorging, ich schon mehr als einmal bemerkt hatte. Ich freue mich, sagte mir einer von ihnen, auf den Landtag der deutschen Gelehrten gekommen zu seyn. Ihr habt einige Geseze, die wir nicht haben, und haben solten. Und mit welcher Einsicht und Entschlossenheit bringt ihr sie zur Wirksamkeit. Diese Aufhebung der Scholiastenzunft ist ein kühner Schritt. Die Gelehrtenrepubliken Europa's machen, wie ihr wisset, Eine grosse lateinische Republik aus. Ihr sondert euch, und tretet aus diesem vieljährigen Bunde, und wagt es mit eurer Sprache, wie weit sie sich, und mit ihr die darinn vorgetragnen Wissenschaften ausbreiten, oder nicht ausbreiten werden. Wir wissen, antwortete ich, daß wir uns sondern, und was wir wagen. Unsre Sprache hat Kraft und Schönheit; und Inhalt, denk ich, geben wir ihr in unsern Schriften doch auch bisweilen. Was ihre Ausbreitung anbetrift, so sagen unsre Aldermänner, daß wir keinen grössern, und beynah keinen andern Stolz haben müssen, als den, für unsre Nation zu arbeiten. Ihr sehet, daß uns diese strengen Leute denjenigen Stolz, der auch nach Beyfalle der Ausländer strebt, fast verbieten. Sind übrigens unsre Schriften nur gut; so wird unsre Sprache, wir mögen diesen Stolz haben, oder nicht haben, ihren Weg schon gehen. Wir redeten noch von vielem, das zu dieser Sache gehörte; aber nur dieß hab ich der Aufzeichnung einigermaassen würdig gehalten.




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